Stubensandstein

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Stubensandstein im Kirnbachtal

Stubensandstein bedeckt etwa 35% der Fläche des Schönbuchs. Das Sediment stammt aus der Keuperzeit vor 210 bis 200 Millionen Jahren und ist laut dem Tübinger Geologen Prof. Thomas Aigner ein Überbleibsel großflächiger Überschwemmungen. Die urzeitliche Mischung aus Sand, Dreck und Geröll ist relativ unsortiert und grob, zusammengehalten durch toniges Material. Wie bröckelig der Stubensandstein ist, lässt sich mit eigener Hand erspüren: An so manchem verwitterten Sandstein-Mäuerchen bröselt der angelöste Sand ab, wenn man mit der Hand darüber fährt. Früher holten sich die Leute den Sand, der sich am Fuß von bröckeligen Felswänden ansammelte, um damit die Stube auszufegen. Daher kommt der Name.

Wirkung auf Relief und Boden[Bearbeiten]

Die bis zu 60 Meter mächtigen Felsbänke aus Stubensanstein bilden im Westen und Südwesten des Schönbuchs den auffälligen und steilen Trauf. Vor allem für den Westteil des Schönbuchs ist der Stubensandstein landschaftsbestimmend. Die sich aus diesem Stein bildenden Sandböden sind trocken, kalkfrei und mineralstoffarm und daher für die Landwirtschaft ungeeignet. Deshalb wurden diese Flächen kaum gerodet und stellen heute einen großen Teil des Waldbodens des Schönbuchs dar.[1]

Verwendung als Baustein[Bearbeiten]

Stubenstandstein wurde bereits vor der Römerzeit als Baustein verwendet und auch im Schönbuch abgebaut. Am Keltengrab von Kilchberg gibt es eine Stele aus der späten Jungsteinzeit in der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr., und der Menhir von Weilheim ist ein Stubensandstein-Monolith aus der frühen Bronzezeit, der 1985 im Erdreich entdeckt wurde.

Abbau und Verwendung[Bearbeiten]

Historische Steinbrüche finden sich beispielsweise in Lustnau, Kayh und Dettenhausen. Aus dem Stubensandstein des Schönbuchs wurden die unterschiedlichsten Gebäude errichtet, wie beispielsweise das Kloster Bebenhausen, die Neckarbrücke in Tübingen, die Esslinger Frauenkirche, die Reutlinger Marienkirche und auch das Ulmer Münster. Der Stubensandstein aus dem Schönbuch hatte sogar überregionale Bedeutung, und wurde bei den Weltausstellungen in London und Paris in der Mitte des 19. Jahrhunderts als „bestgeeignet“ ausgezeichnet. Auch für das Münchner Rathaus und das Schloss Neuschwanstein wurde Stubensandstein aus dem Schönbuch verbaut.[2]

Das helle und in seinen Farbschattierungen warm wirkende Gestein wurde früher gern als Baumaterial für gotische Kirchen und andere Gebäude verwendet. Steinmetze wussten zu schätzen, dass der Stubensandstein relativ weich ist und sich gut bearbeiten lässt. Die Stiftskirche zum Beispiel ist komplett aus Stubensandstein gebaut, die Sankt-Johannes-Kirche bei der Langen Gasse zu großen Teilen. Auch das Portal von Schloss Hohentübingen wurde aus diesem Material hergestellt. An der Neuen Aula in der Wilhelmstraße besteht der Sockel aus Stubensandstein.[3] Stubensandstein aus dem Schönbuchgebiet hat allerdings den Nachteil, dass er nicht sonderlich witterungsbeständig ist. So muss der am Kölner Dom verbaute Sandstein größtenteils ersetzt werden.[4] Das weiche Material am Kölner Dom löst sich unter dem Einfluss von Ruß-Partikeln und saurem Regen auf. Dass die Steine aus dem Schönbuch stammen, lässt sich anhand von Bau-Dokumenten feststellen. Der Stubensandstein für den Kölner Dom wurde kostengünstig mit Schiffen - oder möglicherweise Flößen - von Schlaitdorf am Neckar bis nach Köln gebracht.[5] Wenngleich das Rätsel aufgibt: Warum die Bauherren den Stein die weite Strecke transportieren ließen und nicht aus lokalen Brüchen holten, ist bis heute nicht geklärt.[3]

Stubensandstein im Tübinger Rathaus[Bearbeiten]

Beim Umbau des Tübinger Rathauses bis 2015 war ursprünglich geplant worden, Elbsandstein aus dem Raum Dresden zu verwenden, u.a. weil er leicht zu reinigen sei. Beim Industrieverband Steine und Erden Baden-Württemberg (ISTE) stieß dies auf Kritik. Es sei "schwer nachzuvollziehen, warum die schwere Last über 600 Kilometer nach Tübingen geschafft werden sollte, wenn das Gute doch so nah liegt."[6] OB Boris Palmer ließ sich überzeugen, den regional vorhandenen Pliezhäuser Stubensandstein zu verwenden.[7] Bei einem Ortstermin im Steinbruch Pliezhausen-Rübgarten im März 2015 hatte Dr. Wolfgang Werner vom Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau Einblick in die Hintergründe der regionalen Erdgeschichte gegeben. "Sandsteine, wie wir sie hier sehen, sind schon vor Jahrhunderten für den Bau der Münster in Ulm und in Freiburg verwendet worden, und auch für den Kölner Dom", erläuterte er. "Diesen Stubensandstein hier nennt man auch den 'Stein der schwäbischen Gotik'; er hat das Bild unserer historischen Bauten entscheidend geprägt." Aber nicht nur aus kulturellen Gründen sei es deshalb wichtig, heutzutage wieder auf das Originalmaterial zurückzugreifen, auch aus technischen. "Diese Steine vertragen sich bautechnisch am besten mit ihresgleichen", so Werner.[8]


Quellen[Bearbeiten]

  1. Stubensandstein im Schönbuch auf Wikipedia
  2. Dieter Buck: Das große Buch vom Schönbuch. Natur, Kultur, Geschichte, Orte. Silberbuch-Verlag, Tübingen 2000, ISBN 3-87407-334-3, Seite 10–21
  3. 3,0 3,1 Bau-Steine aus dem Schönbuch: Steine für den Kölner Dom
  4. Homepage des Kölner Dom, Gesteine
  5. Sandstein aus Schlaitdorf
  6. Sandstein-Abbau im Rübgartener Steinbruch: Weil er von hier ist, GEA Reutlingen, 11.03.2015
  7. Heimischer Boden im Rathaus, Schwäbisches Tagblatt, März 2015 (?), PDF
  8. "Steine der schwäbischen Gotik" fürs alte Tübinger Rathaus, Pressemitteilung des ISTE, 12.03.2015

Siehe auch[Bearbeiten]