Wirtschaft zum Hanskarle

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Hanskarle war der Name von zwei Gaststätten, die sich nacheinander an gleicher Stelle Am Lustnauer Tor befanden, nämlich links der Österbergstraße. Das heutige Gebäude ist ein spitzes Eckgebäude zwischen der Österbergstraße und der Doblerstraße (früher: Kaiserstraße), in dem sich die Hauptfiliale der Kreissparkasse befindet.

Das erste „Hanskarle“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf diesem Foto von 1899 ist links das erste "Hanskarle" nur teilweise sichtbar
Restaurant Hanskarle. Karte verlegt von Gebr. Metz zur Neueröffnung 1906. Die Zeichnung orientiert sich nach dem Plan, von dem sich die Ausführung in manchen Details unterschied. Der Hausteil links vom linken Seitengiebel besteht heute nicht mehr.
Wilhelmstraße, Hanskarle rechts im Bild angeschnitten
Fahnenweihe des Pioniervereins im Hof von »Hanskarle«, 1907
Restaurant Hanskarle, rechts im Bild, vor 1919
Restaurant Hanskarle, 1919
Das Gebäude Am Lustnauer Tor 3 im Jahr 2020

Der Name Hanskarle geht auf den Gründer der Gaststätte Carl (Andreas) Kommerell (* 3. August 1808), der Hanskarle genannt wurde. Er war seit dem 29. Juni 1834 mit Luise Beate geb. Strohm verheiratet. Sie hatten nur einen Sohn, den am 20. November 1837 geborenen Karl (Friedrich).[1] Die erste „Wirtschaft zu Hanskarle“ wurde 1843 fertiggestellt und es war das Herzensprojekt des damals 35-jährigen Carl Kommerell. Es war ein einfaches zweigeschossiges Gebäude (plus Dachgeschoss), das im rechten Winkel zur Österbergstraße stand. Die Gastwirtschaft war mit eigener Brauerei verbunden, die sich im rückwärtigen Teil des Gebäudes befand.[2] Dem Gründer war es nicht bestimmt, die Gaststätte länger zu führen, er starb an „Blutsturz“ am 21. August 1849, also im Alter von 41 Jahren. Die Gaststätte führte seine Witwe, Luise Beate († 30. Juli 1874), weiter. Mit der Zeit übernahm der Sohn Karl, der auch zum Bierbrauer geworden war, die Leitung. Er heiratete am 28. Juli 1859 Johanna Barbara Ammbacher, Tochter eines Gutsbesitzers aus Unterjesingen. Das Paar hatte nur zwei Töchter. Ähnlich wie sein Vater ist auch Karl Kommerell sehr früh gestorben — am 13. Oktober 1871 (also noch vor seiner Mutter) während einer Erholung in Kennenburg bei Esslingen an Herzschlag im Alter von knapp 34 Jahren. Johanna Barbara heiratete darauf, am 26. Juli 1873, den aus Herrenberg stammenden Philipp Unkel und führte mit ihm die Gaststätte weiter.[3]

Nachdem Hermann Haußer 1897 Oberbürgermeister von Tübingen geworden war, wollte die Stadt viele anstehende Bauangelegenheiten ordnen. Die erste Aufgabe betraf die Mühlstraße und den Platz Am Lustnauer Tor. Nachdem durch den Abriss des alten evangelischen Dekanats (1899) und die darauf folgende Bebauung der Ostseite (bis 1903) die Mühlstraße zu einer repräsentativen Straße geworden war, wollte man den gleichen Effekt am Lustnauer Tor erreichen. Dabei war der Abriss von „Hanskarle“ unerlässlich. Das vorhandene Gebäude war nicht nur architektonisch einfach und schon alleine aus diesem Grund für die neue Konzeption des Platzes unpassend, sondern inzwischen auch in die Jahre gekommen. Der zweite, mindestens genau so wichtige Grund war der Bau der neuen Zufahrtsstraße auf den Österberg, der Kaiserstraße (heute Doblerstraße).[2] Das Haus stand so, dass es die neue Straße fast versperrte. Die Stadt wünschte sich also, dass das alte „Hanskarle“ durch ein neues Haus ersetzt wird, das einerseits passend zum Straßenverlauf gebaut werden, andererseits auch einen repräsentativen Charakter haben sollte. Da die damaligen Besitzer des „Hanskarle“ betagt (Philipp Unkel starb am 1. Juli 1899 und Johanna Barbara war zu diesem Zeitpunkt 62[3]) und nicht entsprechend bemittelt waren, kamen sie als Bauherren eines neuen Gebäudes nicht in Frage. Wegen des Baus der Kaiserstraße musste das erste Hanskarle 1900 abgebrochen werden, ohne dass es zu diesem Zeitpunkt klar war, wie es damit weitergehen würde. Der Stadt gelang es aber recht schnell, einen passenden Bauherrn zu finden. Es war der damals expandierende Bierbrauer aus Lustnau, Louis Heinrich. Seine Brauerei war Hoflieferant des Königs von Württemberg und die leistungsstärkste Brauerei im Oberamtsbezirk.[2]

Das zweite „Hanskarle“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Louis Heinrich beauftragte das Tübinger Architekturbüro Fischer & Stähle.[4] Pläne für das neue Gebäude, das sich harmonisch in das bestehende Ensemble – man sollte dabei vor allem an das Deutsche Haus (1901) und das Schimpfhaus (1903) denken – einfügen sollte, zu erarbeiten und den Bau zu leiten.[2] Der Bau des markanten dreistöckigen Eckgebäudes mit Jugendstil-Elementen und eigenwillig-spitzem Fachwerkgiebel wurde 19021904 durchgeführt, das Architekturbüro Fischer & Stähle zog ebenfalls in den Neubau ein.[5] Das Fachwerk des Gebäudes gestaltete noch als Geselle der Lustnauer später sehr erfolgreiche Zimmermann Fritz Kreß mit.[6]

Das neue Restaurant, zu dem der Eingang direkt von der Ecke führte, hatte den alten Namen „Hanskarle“ erhalten. Louis Heinrich wählte ihn sicherlich um der Tradition willen. Das alte „Hanskarle“ hatte offenbar einen guten Ruf, den es zu wahren galt. Das neue Restaurant verfügte über mehrere Säle. Im Erdgeschoss gab es Tageswirtschaft und Bürgerstube, wo die Gäste „beim gemütlichen Schoppen auch noch das Straßenleben am Wilhelmsplatz übersehen“ konnten. Weitere Gasträume gab es im ersten Obergeschoss und im Keller. „Das Herrenstüble lud zum ‚Plaudern, Spielen und Rauchen‘ ein. Gruppen und Vereine trafen sich in der kleinen Bierhalle oder den beiden überwölbten Wein- und Bierkneipen.“[2] Zu den Vereinen, die sich dort trafen gehörte der Pionierverein – vergleiche das Foto von der Fahnenweihe des Vereins im Jahre 1907 im Hof der Gaststätte. Der adventistische Prediger Gustav Muth mietete die Räume vom Oktober 1907 bis April 1908 für seine regelmäßigen Vorträge, was 1908 zur Gründung der Adventistengemeinde Tübingen mit damals 9 Gliedern führte.[7] „Neben Tübinger Bürgern und Studenten verkehrten dort auch gerne auswärtige Besucher“ des nahen Gerichts (Fertigstellung des Gerichtsgebäudes 1905). Louis Heinrich führte das Restaurant nicht selbst, sondern verpachtete es. Am längsten, 1908–1914, pachtete es Martin Lemmer. Zu seiner Zeit spielte im „Hanskarle“ die erste Damenkapelle in Tübingen.[2]

„Hanskarle“ als Sparkasse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem die durch den Ersten Weltkrieg geschwächte Brauerei Heinrich 1919 geschlossen worden war, musste das Restaurant verkauft werden. 1921 wurde das Gebäude von der „Amtskörperschaft“ für die „Oberamtspflege“ und die 1854 gegründete Oberamtssparkasse gekauft, die sich damals in der Mühlstraße 18 (also in unmittelbaren Nähe) befand. Sie baute es zum Bank- und Bürogebäude um:[8] in der ehemaligen Tageswirtschaft entstand die Schalterhalle. Infolge der Umbenennung der Oberämter in Landkreise 1934 wurde die Oberamtssparkasse zu Kreissparkasse, die mit der Vergrößerung des Landkreises Tübingen wuchs und das ganze Gebäude einnahm. Sie hatte hier bis 2006 ihre Hauptverwaltung. Seitdem diese ins Sparkassen Carré auf den Mühlbachäckern umgezogen ist, befindet sich hier die Kunden-Hauptfiliale.[5]

Noch bis in die 1940er Jahre behielt die Sparkasse die Gepflogenheit aus der Anfangszeit im Neubau bei, einmal im Jahr Bier auszuschenken. Auf diese Weise konnte sie die Gasthaus-Lizenz aufrecht erhalten.[5]

Die Fassade des vielfach veränderten Gebäudes – zum Beispiel war eine Zeitlang das Fachwerk verputzt – erfuhr bei der Sanierung von 1988 eine Wiederannäherung an den ursprünglichen Zustand.[5] 20142017 wurde das Gebäude für 17,5 Mio. € nochmals stark umgebaut, wobei der Altbau erhalten blieb, aber im Inneren völlig neu gestaltet wurde und die mit Aluminium verkleideten Seitenflügel komplett ersetzt wurden.[9]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Otto Kommerell: Familienchronik Kommerell", Krämer, Frankfurt am Main 1943, S. 145.
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 Antje Zacharias: Wirtshäuser mit regem Zuspruch (siehe Literatur).
  3. 3,0 3,1 Otto Kommerell: Familienchronik Kommerell", Krämer, Frankfurt am Main 1943, S. 169.
  4. Außer diesem Bau ist die gemeinsame Tätigkeit von Fischer & Stähle nur bei einem zweiten Gebäude belegt: Haus der Landsmannschaft Ulmia (1908). Es handelt sich um Gustav Stähle und Theodor Fischer, der zu diesem Zeitpunkt auch allein in Tübingen tätig war.
  5. 5,0 5,1 5,2 5,3 Hans-Joachim Lang: Das Gasthaus „Zum Hanskarle“ wurde schon bald nach dem Neubau zur Zentrale der Sparkasse. Eine Zeit lang gab es in der Bank auch Bier. In: „Schwäbisches Tagblatt“, 27. April 2011 (web.archive.org)
  6. Fritz Kreß: Der Zimmerpolier, Lustnau 1907. Die erste Auflage entält ein Foto davon.
  7. Adventisten in Tübingen, auf Adventgemeinde Tübingen.
  8. Adressbuch Tübingen für 1934, S. XLI–XLII.
  9. Vom Gasthaus zum Geldhaus. In: „Schwäbisches Tagblatt“, 2014 (nicht mehr online).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Antje Zacharias: Wirtshäuser mit regem Zuspruch. In: …und grüßen Sie mir die Welt! Tübingen – eine Universitätsstadt auf alten Postkarten, hrsg. von Udo Rauch und Antje Zacharias, Tübingen : Stadtmuseum 2007, ISBN 978-3-910090-78-1, S. 171–202; hier 198.
  • Albrecht Locker: Vom Gasthof zur Bankzentrale. In: „Tübinger Blätter“ 1988, S. 107–109.
  • Das 13. Glas ist gratis. In: „Schwäbisches Tagblatt“, 17. Mai 1952.
  • Gastwirtschaft zu verkaufen. In: „Tübinger Chronik“, 15. Mai 1902.