Tübinger Königsgesellschaft Roigel

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Blick aufs Roigel-Haus vom Schloss aus
Detail am Fachwerk des Roigel-Hauses
Kegelbahn mit "Villa Rattenkull" am Roigelhaus
Garten des Roigelhauses mit Kegelbahn auf einer alten Postkarte
Der Vorgängerbau des Roigelhauses: die mittelalterliche Schlossküferei, Foto von 1874
Der Garten der Schlossküferei um 1867
Wetterfahne mit Nachtwächter auf dem Roigelhaus
Roigelhaus - Der König sei's Panier

Burschenschaftlich gesinnte Stiftsstudenten gründeten die Tübinger Königsgesellschaft Roigel am 28. Oktober 1838. Der Wahlspruch ist "Circulus fratrum regis vivat!" und die Farben sind schwarz-gold-rot der burschenschaftlichen Bewegung, deren Ziele die Verbindung ursprünglich verfolgte. Die Verbindung hat ein eigenes Haus, das sogenannte Roigel-Haus in der Burgsteige 20.

Name[Bearbeiten]

Der Name „Königsgesellschaft“ leitet sich von dem Gründungslokal ab, dem Gasthof zum König, an dessen Stelle heute das Parkhaus König steht. Aus der satirisch gebrauchten französischen Bezeichnung „Société Royale“ entstand schließlich der schwäbische Spitzname „Roigel“, der in den 1840er Jahren als Bestandteil des Namens angenommen wurde.

Ziele[Bearbeiten]

Die nicht-schlagende Verbindung pflegt die Freundschaft untereinander und die Verbundenheit zum Schwabenland. Wichtige Ziele sind der Kneiphumor und die witzige Unterhaltung, besonders in "Gazetten", d.h. selbst verfassten Gedichten und Karikaturen bei den Kneipen und Spuzen.[1]

Haus[Bearbeiten]

Das 1904 von den Architekten Paul Schmohl und Georg Stähelin errichtete Roigelhaus ist eines der bekanntesten Verbindungshäuser Tübingens, nicht zuletzt wegen seiner Lage in der Burgsteige 20 unmittelbar vor dem Schlossportal. Es gehört der „Königsgesellschaft“, einer 1838 von Studenten des Tübinger Evangelischen Stifts gegründeten, nicht schlagenden Verbindung, deren Name auf ihr ursprüngliches Versammlungslokal, den „Gasthof zum König“, hinweist. An der Stelle des Neubaus hatte seit dem ausgehenden Mittelalter die „Schlossküferei“ gestanden, deren weithin sichtbares, mächtiges Krüppelwalmdach das Tübinger Stadtbild mit prägte und auf den berühmten Stadtansichten des 17. Jahrhunderts von Pfister, Ramsler und Merian deutlich zu sehen ist. (Quelle: Bauforschung zum Roigel-Haus)
Das Gebäude ist außen wie innen weitgehend original erhalten. Der große Kneipsaal hat als einziger in einem Tübinger Verbindungshaus Fenster sowohl zum Neckar- als auch zum Ammertal.

Garten und Kegelbahn[Bearbeiten]

Die einzigartige historische Kegelbahn mit Fachwerküberbau stammt von (gesichert) 1789 und ist noch original erhalten. Eine Kegelbahn (möglicherweise ein Vorgänger) wurde jedoch bereits 1643 und 1680 erwähnt. Sie gilt als die älteste Freiluft-Kegelbahn im süddeutschen Raum und wurde 2015 saniert. Auch die alte mechanische Technik ist noch funktionstüchtig. Erst in den 1970er Jahren kam eine einfache Elektrik hinzu.[2] Der kleine Kneipraum über der Bahn, in dem u.a. auch Eduard Mörike eine Zeitlang wohnte, wird „Rattenkull“ genannt.[3] Die Kegelbahn ist nur bei besonderen Führungen öffentlich zu besichtigen.

Über den Garten mit der Kegelbahn hat Eduard Mörike ein treffliches Gedicht verfasst:

Eduard Mörike
Des Schloßküpers Geister zu Tübingen
Ballade, beim Weine zu singen

Ins alten Schloßwirts Garten
Da klingt schon viele Jahr kein Glas;
Kein Kegel fällt, keine Karten,
Wächst aber schön lang Gras.

Ich mutterseelalleine
Setzt mich an einen langen Tisch;
Der Schloßwirt regt die Beine,
Vom Roten bringt er frisch.

Und läßt sich zu mir nieder;
Von alten Zeiten redt man viel,
Man seufzet hin und wieder;
Der Schöpplein wird kein Ziel.

Da nun der Tag gegangen,
Der Schloßwirt sagt kein Wörtlein mehr;
Neun Lichter tät er langen,
Neun Stühle setzt er her.

Als wie zum größten Feste
Auftischt er, daß die Tafel kracht:
Was kämen noch für Gäste?
Ist doch schier Mitternacht!

Der Narr, was kann er wollen?
Er macht sich an die Kugelbahn,
Läßt eine Kugel rollen,
Ein Höllenlärm geht an.

Es fahren gar behende
Acht Kegel hinterm Brett herauf,
Schrein: »Hagel und kein Ende!
Wer Teufel weckt uns auf?« 

Und waren acht Studiosen,
Wohl aus der Zopf- und Puderzeit:
Rote Röcklein, kurze Hosen,
Und ganz charmante Leut.

Die sehen mit Ergetzen
Den edelen Karfunkelwein;
Gleich täten sie sich letzen
Und zechen und juchhein.

Den Wirt erbaut das wenig;
Er sprach: »Ihr Herren, wollt verzeihn:
Wo ist der Schoppenkönig?
Wann seid ihr denn zu neun?« 

»Ach Küper, lieber Küper,
Wie machest uns das Herze schwer!
Wohl funfzig Jahr und drüber
Begraben lieget er.

Gott hab den Herren selig
Mit seiner roten Habichtsnas!
Regierete so fröhlich,
Kam tags auf sieben Maß.

Einst tät er uns bescheiden,
Sprach: ›Männiglich kennt mein Gebot,
Den Gerstensaft zu meiden;
Man büßet's mit dem Tod.

Mit ein paar lausigen Dichtern
Traf man beim sauren Bier euch an,
Versteht sich, nudelnüchtern,
Wohl auf der Kugelbahn.

Kommt also her, ihr Lümmel!‹ –
Er zog sein' Zauberstab herfür –
Wir stürzten wie vom Himmel –
Acht Kegel waren wir!

Jetzt ging es an ein Hudeln,
Ein' hölzern' König man uns gab,
Doch schoß man nichts wie Pudel,
Da schafften sie uns ab.

Nun dauert es nicht lange,
So zieht das Burschenvolk einmal
Aufs Schloß, mit wildem Sange,
Zum König in den Saal:

›Wir wolln dich Lands verweisen,
So du nicht schwörest ab den Wein;
Bierkönig sollt du heißen!‹
– Er aber saget: ›Nein;

Da habt ihr meine Krone!
An mir ist Hopfen und Malz verlorn.‹ –
So stieg er von dem Throne
In seinem edlen Zorn.

Für Kummer und für Grämen
Der Herre wurde krank und alt,
Zerfiele wie ein Scheinen
Und holt der Tod ihn bald,

Mit Purpur ward gezieret
Sein Leichnam als ein König groß;
Ein tief Gewölb man führet
Zu Tübingen im Schloß.

Vier schwarze Edelknaben
Sein' Becher trugen vor der Bahr;
Der ist mit ihm begraben,
War doch von Golde gar,

Damals ward prophezeiet,
Wenn nur erst hundert Jahr herum,
Da würde der Thron erneuet

Vom alten Königtum.

So müssen wir halt warten,
Bis daß die Zeit erfüllet was;
Und in des Schloßwirts Garten
Derweil wächst langes Gras.

Ach Küper, lieber Küper,
Jetzt geige du uns wieder heim!
Die Nacht ist schier vorüber:
Acht Kegel müssen wir sein.« 

Der Schloßwirt nimmt die Geigen
Und streicht ein Deo Gloria,
Sie tanzen einen Reigen –
Und keiner ist mehr da.

Fotogalerie[Bearbeiten]


Literatur[Bearbeiten]

  • Martin Biastoch: Tübinger Studenten im Kaiserreich. Eine sozialgeschichtliche Untersuchung. Contubernium - Tübinger Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte Bd. 44. Sigmaringen 1996 ISBN 3-51508-022-8

Weblinks[Bearbeiten]

Quellen, Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Werner Kratsch: Das Verbindungswesen in Tübingen. Eine Dokumentation im Jahre des Universitätsjubiläums 1977. Herausgegeben im Auftrag der Altherrenschaften der Tübinger Verbindungen von Werner Kratsch. Gulde Druck, Tübingen, 1977.
  2. Führung am 22.10.2016
  3. „Rattenkull“: benannt nach einem früheren Studenten namens Kull, der hier (um 1910) auch einmal gewohnt hatte und sich dort in einem Traum von Ratten verfolgt sah... (Führung 22.10.16)