Tübinger Burschenschaft Derendingia

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Derendingerhaus, Schlossbergstraße
"Derendinger-Kneipe" (Kneipraum der Derendingia im Gasthof zur Linde)[1], Postkarte von 1891
Burschenschaft Derendingia mit Damen, vermutlich 1960er Jahre

Die Tübinger Burschenschaft Derendingia ist eine farbentragende, nicht schlagende Studentenverbindung in der Schlossbergstraße 5. Die Mitglieder nennen sich Derendinger.


Geschichte (Auszug)[Bearbeiten]

Sie wurde am 21. April 1877 von norddeutschen Theologiestudenten ins Leben gerufen. Die Gründung fand in der damaligen Gaststätte Lamm in Derendingen statt, weil die Mitglieder am bevorstehenden Festumzug zur 400-Jahr-Feier der Eberhard Karls Universität teilnehmen wollten, was aber nur Verbindungen erlaubt war. Die geschickte Wahl des Namens ermöglichte es den Derendingern somit in dem alphabetisch geordneten Umzug sehr weit an der Spitze mitzugehen.

Als Bundesfarben wurden “blau-weiß-rot” gewählt, die Landesfarben von Schleswig-Holstein, aus dem die meisten der Gründungsmitglieder stammten. Das Motto ist „Einer für Alle – Alle für Einen“.

1897 wurde die Verbindung farbentragend, d.h. ihre Mitglieder tragen seitdem ein rot-weiß-blaues Band und eine schwarze Mütze (die Farben mussten in der Reihenfolge geändert werden, da schon eine andere Tübinger Verbindung, das Corps Rhenania, ein blau-weiß-rotes Band trug). Auch das studentische Mensurenfechten war fester Bestandteil des Verbindungslebens. So fochten die Derendinger noch am Vorabend der Auflösung durch die Nationalsozialisten, im WS 33/34, 74 Partien, davon 15 allein PPs (Gruppenkämpfe).

Im 1. Weltkrieg verlor die Derendingia 61 Mitglieder, welche zum Frontdienst eingezogen worden waren. Im 2. Weltkrieg machte sich die Derendingia in Tübingen dadurch einen Namen, dass es ihr gelang den verbindungsfeindlichen Nationalsozialisten immer wieder ein Schnippchen zu schlagen. Eine Anekdote aus dieser Zeit wäre der Fahnenstreit: Als man die Derendinger zwang, die nationalsozialistische Fahne zu hissen, hissten sie die Derendingerfahne gleich mit. Auf Beschwerde des örtlichen NSDStB-Führers hin, die Hakenkreuzfahne dürfe nicht mit anderen Fahnen gehisst werden, entschieden sich die Derendinger somit die Hakenkreuzfahne abzunehmen und die Derendingerfahne konnte weiterhin gezeigt werden.

Eine weitere Anekdote wäre der gescheiterte Hauskauf durch die Nationalsozialisten: Als diese versuchten, während des Krieges das Haus zu kaufen, erfand man kurzerhand die Ausrede, dazu müsse zunächst eine Mitgliedervollversammlung einberufen werden. Da aber zahlreiche Mitglieder zum Frontdienst gezwungen waren, fand diese nie statt und man konnte das Haus behalten. Andere Tübinger Verbindungen waren den Nazis gegenüber weniger standhaft und verloren in Folge dessen ihr Haus.

In den 1950er Jahren war die Derendingia unter Tübinger Verbindungen vor allem für ihre guten Manieren und ihr zurückhaltendes Auftreten bekannt. Alkohol zum Mittagsessen zu trinken war, sehr zum Spott anderer Verbindungen, bei den Derendingern verpönt. Aus dieser Zeit stammen folgende Zeilen, welche sich die Tübinger Burschenschaft Germania in Anspielung auf das Alkoholverbot zu Tisch ausgedacht hatte:


Germania ist die Burschenschaft

Derendingia trinkt nur Himbeersaft


Unter den Tübinger Verbindungen sind diese Zeilen weiterhin bekannt und werden auch von den Derendingern selber gerne zum Witz gebraucht.


1969 schafften die Derendinger das studentische Mensurenfechten ab und führten das Judo als Pflichtsport ein. In Folge dessen wurden die Derendinger von manchen (schlagenden) Verbindungen in Tübingen als "Judobuxen" bezeichnet, ein Name den sie sich auch selbstironisch gerne selber gaben.

1981 trat sie endgültig aus dem Dachverband Deutsche Burschenschaft aus. Dieser hatte zuvor verlangt, dass die Derendingia sich von einem Mitglied trenne, welches den Kriegsdienst verweigert hatte. Da die Solidarität und Freundschaft untereinander größer war als für den ohnehin unbeliebten und rechts abdriftenden Dachverband, entschied man sich forthin eigene Wege zu gehen.

Seit den 1990er Jahren nimmt die Derendingia auch Ausländer auf. Seit 1996 ist es allen Mitgliedern explizit verboten, Mensurfechten zu praktizieren.

2007: Nachdem in den Jahren zuvor neben dem Judo auch das Sportfechten intensiv betrieben wurde, ist auf Antrag der Aktivitas das Judo durch das olympische Sportfechten als Pflichtsportart ersetzt worden.[2] Die Derendingia nahm in Folge für die Universität Tübingen an zahlreichen Deutschen Hochschulmeisterschaften im Sportfechten (Disziplin Säbel) teil.

Ansichten und Selbstverständnis[Bearbeiten]

Die Burschenschaft Derendingia ist in ihrer Form als nichtschlagende, dachverbandsfreie Burschenschaft nahezu einzigartig und gilt als eine der liberalsten und mitgliederstärksten Burschenschaften Deutschlands. Seit der Öffnung gegenüber Ausländern in den 1990er Jahren hat die Derendingia zahlreiche Mitglieder mit Migrationshintergrund aufgenommen. Durch regelmäßige gemeinsame Veranstaltungen unterstützt sie die Entwicklung und die Emanzipation der Tübinger Damenverbindungen, welche aufgrund fehlender eigener Häuser von dieser Infrastruktur profitieren können. Die Burschenschaft Derendingia verlangt von ihren Mitgliedern die Ablehnung politischer Extreme, das Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland, sowie Verantwortungsgefühl und gegenseitige Achtung und Toleranz.

Durch diesen Einfluss der Derendingia haben auch befreundete Burschenschaften das verpflichtende Mensurfechten aufgegeben, sind aus dem rechtskonservativen Dachverband "Deutsche Burschenschaft" ausgetreten und haben ihre Verbindung gegenüber ausländischen Studenten geöffnet, darunter Hannovera Göttingen und Frankonia Heidelberg.

Domizile, eigenes Haus[Bearbeiten]

Gasthaus zum Lamm in Derendingen, 1918
Gasthof zur Linde mit Kegelbahn, Derendinger Straße, 1932

Nach der Gründung behielten die "Derendinger" zunächst das Gasthaus Lamm als Verbindungslokal, wo sie das dortige Zimmer im Obergeschoss mit Trinkhörnern, Fahnen und Zirkeln schmückten. 1884 wechselten sie dann "wegen zunehmender Anmaßung des Wirts" in den "Gasthof zur Linde", der in der Derendinger Straße an der Markungsgrenze zu Tübingen lag. Dort richtete man einen eigenen Raum als "Derendinger-Stube" ein (s. auch Foto) und übertrug das Inventar aus dem Lamm. 1888 und 1894 wurde die Stube weiter ausgestaltet, z.B. mit farbigen Diaphanie-Glasfenstern. Die Mensuren fanden im Waldhörnle statt. - Seit 1879 hatte man ein Rasengrundstück an der "Kreßbacher Höhe" gepachtet, auf dem man 7 Jahre später einen Pavillon zur Abhaltung von Naturkneipen baute (Exkneipe Derendingen).

1902 gelang es, für einen geplanten Hausbau zwei Grundstücke auf dem Schlossberg zu kaufen und zusammenzufassen, zwischen Schloss und dem neuen Igelhaus. Mit der Planung wurde der Stuttgarter Architekt Clemens Hummel beauftragt, der zunächst einen eher burgenartigen Entwurf lieferte. Nach Einspruchnahme von Stadt und Denkmalamt ("zum Schutz der Stadtsilhouette" direkt neben dem alten Schloss) wurde dieser Entwurf von Hummel in geringerer Höhe und zurückhaltenderer Form abgewandelt. In dieser Zeit setzte auch allgemein eine Tendenz zur formalen Vereinfachung in der Architektur ein - somit war das neue Derendingerhaus damals sehr modern. Das Haus mit dezenten Jugendstilornamenten wurde 1905 nach nur neunmonatiger Bauzeit eingeweiht. [1]

Literatur[Bearbeiten]

  • Martin Biastoch: Tübinger Studenten im Kaiserreich. Eine sozialgeschichtliche Untersuchung. Contubernium - Tübinger Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte Bd. 44. Sigmaringen 1996 ISBN 3-51508-022-8


Weblinks[Bearbeiten]

Weitere Bilder[Bearbeiten]


Quellen[Bearbeiten]

  1. 1,0 1,1 Derendingerhaus 1905-2005, hrsg. im Auftrag der Burschenschaft Derendingia von Herbert Raisch u. Rainer Obermüller, Tübingen 2005
  2. www.derendingia.de/geschichte