Bearbeiten von „Theodor Dannecker

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[[Datei:Reiserei ca1930 (TR397).jpg|mini|Bursagasse 18: Links das väterliche Modegeschäft Carl Dannecker, ca. 1930]]
'''Theodor Dannecker''' (* [[27. März]] [[1913]] in [[Tübingen]]; † [[10. Dezember]] [[1945]] in Bad Tölz) war ein deutscher SS-Hauptsturmführer und als Judenreferent (auch „Judenberater“) einer der engsten Mitarbeiter Adolf Eichmanns.  
 
'''Theodor Dannecker''' (* [[27. März]] [[1913]] in Tübingen; † [[10. Dezember]] [[1945]] in Bad Tölz) war ein deutscher SS-Hauptsturmführer und als Judenreferent (auch „Judenberater“) einer der engsten Mitarbeiter Adolf Eichmanns.  


== Herkunft und Werdegang ==
== Herkunft und Werdegang ==
Sein Vater Carl Dannecker war ein Kaufmann, der in der [[Bursagasse]] 18 ein Geschäft für Herrenbekleidung führte. Er verstarb im November 1918 und hinterließ zwei Söhne: Carl und den fünfjährigen Theodor. Theodor besuchte ab 1922 in Tübingen ein Gymnasium, wechselte zur Oberrealschule und erreichte dort 1928 die „Mittlere Reife“. Anschließend besuchte Theodor die Höhere Handelsschule in [[Reutlingen]] und begann 1930 eine Lehre in [[Stuttgart]]. Diese brach er nach wenigen Monaten ab, um in den nächsten beiden Jahren das Geschäft der erkrankten Mutter zu führen.
Sein Vater Carl Dannecker war Kaufmann, der in der [[Bursagasse]] 18 ein Geschäft für Herrenbekleidung führte. Er verstarb im November 1918 und hinterließ zwei Söhne: Carl und den fünfjährigen Theodor. Theodor besuchte ab 1922 in Tübingen ein Gymnasium, wechselte zur Oberrealschule und erreichte dort 1928 die „Mittlere Reife“. Anschließend besuchte Theodor die Höhere Handelsschule in [[Reutlingen]] und begann 1930 eine Lehre in [[Stuttgart]]. Diese brach er nach wenigen Monaten ab, um in den nächsten beiden Jahren das Geschäft der erkrankten Mutter zu führen.


Am 20. Juni 1932 wurde Dannecker Mitglied der SS und sechs Wochen später trat er der NSDAP bei. 1934 wurde er Angehöriger der SS-Verfügungstruppe. Dannecker war im Wachdienst des KZ Oranienburg und im KZ Columbia-Haus tätig. Wegen eines Wachvergehens im Zusammenhang mit Trunkenheit und Urkundenfälschung wurde er Mitte 1935 strafweise versetzt, wenig später aber in den SD übernommen. Bei einer Schulung in Berlin fiel Dannecker positiv auf; er wurde im Januar 1937 zum SS-Oberscharführer befördert und im März 1937 ins „Judenreferat“ des Sicherheitsdienstes versetzt.
Am 20. Juni 1932 wurde Dannecker Mitglied der SS und sechs Wochen später trat er der NSDAP bei. 1934 wurde er Angehöriger der SS-Verfügungstruppe. Dannecker war im Wachdienst des KZ Oranienburg und im KZ Columbia-Haus tätig. Wegen eines Wachvergehens im Zusammenhang mit Trunkenheit und Urkundenfälschung wurde er Mitte 1935 strafweise versetzt, wenig später aber in den SD übernommen. Bei einer Schulung in Berlin fiel Dannecker positiv auf; er wurde im Januar 1937 zum SS-Oberscharführer befördert und im März 1937 ins „Judenreferat“ des Sicherheitsdienstes versetzt.
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Am 5. September 1940 wurde Dannecker Leiter des Judenreferats der SD-Dienststelle in Paris, die anfangs nur sechs Mitarbeiter hatte. Dannecker unterstand disziplinarisch<ref>„diszipliär und sachlich“ – Ahlrich Meyer: ''Täter im Verhör. Die »Endlösung der Judenfrage« in Frankreich 1940–1944''. Darmstadt 2005, ISBN 3-534-17564-6, S. 38.</ref> dem Leiter der Sicherheitspolizei in Frankreich, Helmut Knochen, bezog seine Weisungen aber von Eichmann.<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 45.</ref> Über die vom deutschen Botschafter Otto Abetz initiierten und von der Militärverwaltung unter Otto von Stülpnagel für das besetzte Gebiet gebilligten antijüdischen Maßnahmen hinaus strebte Dannecker an, ein übergreifendes ''Generalkommissariat für Judenfragen'' zu installieren, um auch die Juden im bis zum 11. November 1942 unbesetzten Teil Frankreichs zu erfassen. Eine Ausarbeitung Danneckers vom 21. Januar 1941 zeigt, dass Dannecker über außergewöhnlich genaue Informationen über die Planungen in Berlin verfügte, die zu diesem Zeitpunkt als „territoriale Lösung der Judenfrage“ die Deportation aller europäischen Juden in zu erobernde Gebiete in der Sowjetunion vorsahen.<ref>Ahlrich Meyer: ''Täter im Verhör. Die »Endlösung der Judenfrage« in Frankreich 1940–1944''. Darmstadt 2005, ISBN 3-534-17564-6, S. 38.</ref> Anfang 1941 erreichte Dannecker den Zusammenschluss jüdischer Verbände zum ''Comité de Coordination'', einem ersten „Instrument zur Kontrolle der jüdischen Gemeinschaft in Frankreich.“<ref>Katja Happe, Michael Mayer, Maja Peers (Bearb.): ''Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945'' (Quellensammlung) Band 5: ''West- und Nordeuropa 1940-Juni 1942.'' München 2012, ISBN 978-3-486-58682-4, S. 51 sowie Dokument "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (VEJ)" 5/272, hier S. 684–685.</ref>
Am 5. September 1940 wurde Dannecker Leiter des Judenreferats der SD-Dienststelle in Paris, die anfangs nur sechs Mitarbeiter hatte. Dannecker unterstand disziplinarisch<ref>„diszipliär und sachlich“ – Ahlrich Meyer: ''Täter im Verhör. Die »Endlösung der Judenfrage« in Frankreich 1940–1944''. Darmstadt 2005, ISBN 3-534-17564-6, S. 38.</ref> dem Leiter der Sicherheitspolizei in Frankreich, Helmut Knochen, bezog seine Weisungen aber von Eichmann.<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 45.</ref> Über die vom deutschen Botschafter Otto Abetz initiierten und von der Militärverwaltung unter Otto von Stülpnagel für das besetzte Gebiet gebilligten antijüdischen Maßnahmen hinaus strebte Dannecker an, ein übergreifendes ''Generalkommissariat für Judenfragen'' zu installieren, um auch die Juden im bis zum 11. November 1942 unbesetzten Teil Frankreichs zu erfassen. Eine Ausarbeitung Danneckers vom 21. Januar 1941 zeigt, dass Dannecker über außergewöhnlich genaue Informationen über die Planungen in Berlin verfügte, die zu diesem Zeitpunkt als „territoriale Lösung der Judenfrage“ die Deportation aller europäischen Juden in zu erobernde Gebiete in der Sowjetunion vorsahen.<ref>Ahlrich Meyer: ''Täter im Verhör. Die »Endlösung der Judenfrage« in Frankreich 1940–1944''. Darmstadt 2005, ISBN 3-534-17564-6, S. 38.</ref> Anfang 1941 erreichte Dannecker den Zusammenschluss jüdischer Verbände zum ''Comité de Coordination'', einem ersten „Instrument zur Kontrolle der jüdischen Gemeinschaft in Frankreich.“<ref>Katja Happe, Michael Mayer, Maja Peers (Bearb.): ''Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945'' (Quellensammlung) Band 5: ''West- und Nordeuropa 1940-Juni 1942.'' München 2012, ISBN 978-3-486-58682-4, S. 51 sowie Dokument "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (VEJ)" 5/272, hier S. 684–685.</ref>


Auf Drängen Danneckers und mit Unterstützung von Abetz und Carl-Theodor Zeitschel stimmte die Militärverwaltung dem Vorschlag zu, ausländische Juden zu internieren; allerdings beschränkt auf kriminelle und politisch aktive Personen und begrenzt auf drei- bis fünftausend. Im Mai 1941 ließ Dannecker 3746 Juden verhaften und in die Lager Pithiviers und Beaune-la-Rolande verbringen.<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 56.</ref> Nach Anschlägen auf deutsche Besatzer genehmigte Stülpnagel eine Großrazzia in Paris, die am 20. August 1941 unter Danneckers Aufsicht von französischer Polizei durchgeführt wurde. 4323 Juden wurden im Sammellager Drancy interniert. Im Dezember 1941 ließ Dannecker mit eigenen Kräften eintausend „Sühnejuden“ verhaften und bis zur geplanten Deportation im Internierungslager Compiègne unterbringen.
Auf Drängen Danneckers und mit Unterstützung von Abetz und [[Carltheo Zeitschel|Carl-Theodor Zeitschel stimmte die Militärverwaltung dem Vorschlag zu, ausländische Juden zu internieren; allerdings beschränkt auf kriminelle und politisch aktive Personen und begrenzt auf drei- bis fünftausend. Im Mai 1941 ließ Dannecker 3746 Juden verhaften und in die Lager Pithiviers und Beaune-la-Rolande verbringen.<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 56.</ref> Nach Anschlägen auf deutsche Besatzer genehmigte Stülpnagel eine Großrazzia in Paris, die am 20. August 1941 unter Danneckers Aufsicht von französischer Polizei durchgeführt wurde. 4323 Juden wurden im Sammellager Drancy interniert. Im Dezember 1941 ließ Dannecker mit eigenen Kräften eintausend „Sühnejuden“ verhaften und bis zur geplanten Deportation im Internierungslager Compiègne unterbringen.


Dannecker war im März 1942 im Reichssicherheitshauptamt in Berlin anwesend, als der „Abschub“ von 5000 Juden aus Frankreich vorbereitet wurde.<ref>Dokument VEJ 5/316 in: Katja Happe, Michael Mayer, Maja Peers (Bearb.): ''Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945''. München 2012, ISBN 978-3-486-58682-4, Bd. 5, S. 795.</ref> Spätestens zu diesem Zeitpunkt wusste Dannecker, dass die Juden ermordet werden sollten und ihre Tötung bereits begonnen hatte.<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 41 sowie S. 72f.</ref> Ein erster Massentransport nach Auschwitz mit 1112 Juden verließ das Internierungslager Compiègne am 27. März 1942. Sechs weitere folgten bis Ende Juli.<ref>Die ersten Massentransporte nach Auschwitz endeten zwar nicht mit Selektion und Ermordung in Gaskammern. Vom zweiten Transport mit 1000 Personen kamen aber z. B. innerhalb von zehn Wochen 738 um. Ab dem 7. Zug (Ankunft 21. Juli 1942) wurde an der Rampe selektiert und Opfer unmittelbar nach Ankunft vergast. = Danuta Czech: ''Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945''. Reinbek bei Hamburg 1989, ISBN 3-498-00884-6, S. 193 und 223 bzw. 253 / s. a. Dokument VEJ 5/327: ''Dannecker kündigt weitere Züge an''. In: Katja Happe, Michael Mayer, Maja Peers (Bearb.): ''Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945''. München 2012, ISBN 978-3-486-58682-4, Bd. 5, S. 820.</ref> Dannecker erteilte am 30. Juni 1942 genauere Weisungen zur Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem besetzten Gebiet.<ref>Dokument VEJ 12/238 in: Katja Happe u.&nbsp;a. (Bearb.): ''Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945'' (Quellensammlung) Band 12: ''West- und Nordeuropa, Juni 1942–1945.'' München 2015, ISBN 978-3-486-71843-0, S. 634–635.</ref> Weitere Planungen sahen die Deportation von einhunderttausend Juden aus Frankreich vor; allerdings wurde wegen mangelnder Transportkapazitäten die Zahl kurzfristig auf vierzigtausend reduziert.<ref>Katja Happe u.&nbsp;a. (Bearb.): ''Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945'' (Quellensammlung) Band 12: ''West- und Nordeuropa, Juni 1942–1945.'' München 2015, ISBN 978-3-486-71843-0, S. 63 / s. a. Dokument [[Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945|VEJ]] 12/235. - Tatsächlich wurden 1942–1944 aus Frankreich 73.853 Juden verschleppt.</ref> Dannecker konnte jedoch bei René Bousquet nur die Preisgabe von staatenlosen und ausländischen Juden erreichen. Eine Großrazzia am 16./17. Juli 1942 erfasste 12884 Juden, darunter rund 4000 Kinder.<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 83.</ref>
Dannecker war im März 1942 im Reichssicherheitshauptamt in Berlin anwesend, als der „Abschub“ von 5000 Juden aus Frankreich vorbereitet wurde.<ref>Dokument VEJ 5/316 in: Katja Happe, Michael Mayer, Maja Peers (Bearb.): ''Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945''. München 2012, ISBN 978-3-486-58682-4, Bd. 5, S. 795.</ref> Spätestens zu diesem Zeitpunkt wusste Dannecker, dass die Juden ermordet werden sollten und ihre Tötung bereits begonnen hatte.<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 41 sowie S. 72f.</ref> Ein erster Massentransport nach Auschwitz mit 1112 Juden verließ das Internierungslager Compiègne am 27. März 1942. Sechs weitere folgten bis Ende Juli.<ref>Die ersten Massentransporte nach Auschwitz endeten zwar nicht mit Selektion und Ermordung in Gaskammern. Vom zweiten Transport mit 1000 Personen kamen aber z. B. innerhalb von zehn Wochen 738 um. Ab dem 7. Zug (Ankunft 21. Juli 1942) wurde an der Rampe selektiert und Opfer unmittelbar nach Ankunft vergast. = Danuta Czech: ''Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945''. Reinbek bei Hamburg 1989, ISBN 3-498-00884-6, S. 193 und 223 bzw. 253 / s. a. Dokument VEJ 5/327: ''Dannecker kündigt weitere Züge an''. In: Katja Happe, Michael Mayer, Maja Peers (Bearb.): ''Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945''. München 2012, ISBN 978-3-486-58682-4, Bd. 5, S. 820.</ref> Dannecker erteilte am 30. Juni 1942 genauere Weisungen zur Deportation der jüdischen Bevölkerung aus dem besetzten Gebiet.<ref>Dokument VEJ 12/238 in: Katja Happe u.&nbsp;a. (Bearb.): ''Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945'' (Quellensammlung) Band 12: ''West- und Nordeuropa, Juni 1942–1945.'' München 2015, ISBN 978-3-486-71843-0, S. 634–635.</ref> Weitere Planungen sahen die Deportation von einhunderttausend Juden aus Frankreich vor; allerdings wurde wegen mangelnder Transportkapazitäten die Zahl kurzfristig auf vierzigtausend reduziert.<ref>Katja Happe u.&nbsp;a. (Bearb.): ''Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945'' (Quellensammlung) Band 12: ''West- und Nordeuropa, Juni 1942–1945.'' München 2015, ISBN 978-3-486-71843-0, S. 63 / s. a. Dokument [[Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945|VEJ]] 12/235. - Tatsächlich wurden 1942–1944 aus Frankreich 73.853 Juden verschleppt.</ref> Dannecker konnte jedoch bei René Bousquet nur die Preisgabe von staatenlosen und ausländischen Juden erreichen. Eine Großrazzia am 16./17. Juli 1942 erfasste 12884 Juden, darunter rund 4000 Kinder.<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 83.</ref>
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Am 4. März 1943 begann die Verhaftung der thrakischen Juden. Am 9. März bestätigte Eichmann, die technischen Vorbereitungen zur „Durchführung des Evakuierungsvorhabens“ für zunächst 20.000 Juden seien abgeschlossen. Kurz danach wurde Dannecker informiert, die Eisenbahntransporte müssten auf den April verschoben werden. Dannecker ließ daraufhin ab 22. März 4150 Juden per Dampfschiff nach Wien und von dort aus ins Vernichtungslager Treblinka schaffen. Die mazedonischen Juden wurden am 10. März festgenommen, 7122 von ihnen später in Güterwagen deportiert und in Treblinka ermordet.<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 104–108.</ref>
Am 4. März 1943 begann die Verhaftung der thrakischen Juden. Am 9. März bestätigte Eichmann, die technischen Vorbereitungen zur „Durchführung des Evakuierungsvorhabens“ für zunächst 20.000 Juden seien abgeschlossen. Kurz danach wurde Dannecker informiert, die Eisenbahntransporte müssten auf den April verschoben werden. Dannecker ließ daraufhin ab 22. März 4150 Juden per Dampfschiff nach Wien und von dort aus ins Vernichtungslager Treblinka schaffen. Die mazedonischen Juden wurden am 10. März festgenommen, 7122 von ihnen später in Güterwagen deportiert und in Treblinka ermordet.<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 104–108.</ref>


Sofort nach den ersten Verhaftungsaktionen, die Juden aus Altbulgarien betrafen, regte sich breiter Widerstand, der letztlich zur Rettung dieser bulgarischen Juden führte.<ref>Hans-Joachim Hoppe: Bulgarien. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Dimensionen des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. dtv München 1996, ISBN 3-423-04690-2, S. 289–291.</ref> Zar Boris III. betonte bei seinem Deutschlandbesuch Anfang April, dass er die Zustimmung zur Abschiebung nur für Juden aus den neuerworbenen Gebieten gegeben habe und die altbulgarischen Juden für den Straßenbau einsetzen wolle. Dannecker warf seinen Vorgesetzten in Sofia, Beckerle und Hoffmann, indirekt mangelnden Einsatz vor und verärgerten diese. Ein Attentat bot Belev und Dannecker den Anlass, dem bulgarischen Innenminister zwei Vorschläge zu unterbreiten: Die Deportation aller 51.000 Juden in den Osten oder die Umsiedlung aller Juden aus Sofia in die Provinz. Zu Danneckers Enttäuschung entschied sich Boris III. für die Umsiedlung. Dannecker blieb förmlich bis zum 21. März 1944 nach Bulgarien abgeordnet, wurde aber im September 1943 mit einem mobilen Einsatzkommando nach Italien geschickt.<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 109–112.</ref>
Sofort nach den ersten Verhaftungsaktionen, die Juden aus Altbulgarien betrafen, regte sich breiter Widerstand, der letztlich zur Rettung dieser bulgarischen Juden führte.<ref>Hans-Joachim Hoppe: Bulgarien. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Dimensionen des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. dtv München 1996, ISBN 3-423-04690-2, S. 289–291.</ref> Zar Boris III. betonte bei seinem Deutschlandbesuch Anfang April, dass er die Zustimmung zur Abschiebung nur für Juden aus den neuerworbenen Gebieten gegeben habe und die altbulgarischen Juden für den Straßenbau einsetzen wolle. Dannecker warf seinen Vorgesetzten in Sofia, Beckerle und Hoffmann, indirekt mangelnden Einsatz vor und verärgerten diese. Ein Attentat bot Belev und Dannecker den Anlass, dem bulgarischen Innenminister zwei Vorschläge zu unterbreiten: Die Deportation aller 51.000 Juden in den Osten oder die Umsiedlung aller Juden aus Sofia in die Provinz. Zu Danneckers Enttäuschung entschied sich Boris III für die Umsiedlung. Dannecker blieb förmlich bis zum 21. März 1944 nach Bulgarien abgeordnet, wurde aber im September 1943 mit einem mobilen Einsatzkommando nach Italien geschickt.<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 109–112.</ref>


=== Tätigkeit in Italien ===
=== Tätigkeit in Italien ===
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=== Tätigkeit in Ungarn ===
=== Tätigkeit in Ungarn ===


Im März 1944 traf Dannecker mit anderen Judenberatern in Mauthausen ein, wo das „Sondereinsatzkommando Eichmann“ die Deportation der jüdischen Bevölkerung Ungarns vorbereitete.<ref>Aussage Wislicenys in IMT: ''Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher...'', fotomech. Nachdruck München 1989, Band 4, ISBN 3-7735-2502-8, S. 407f.</ref> Die Quellen zeichnen die Aufenthaltsorte in Ungarn und die Tätigkeit Danneckers nur teilweise ab. Verantwortlich für Verhaftungsaktionen war Dannecker zumindest in Košice/Kaschau und Székesfehérvár/Stuhlweißenburg.<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 135f.</ref> Eine der drei Strecken, auf denen vom November 1944 an jüdische Arbeitskommandos zu Fuß nach Deutschland gebracht wurden, trug die Bezeichnung „Dannecker-Route“. Noch Ende November führte Dannecker Razzien aus, um Personen mit gefälschten Schutzbriefen aufzuspüren.<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 144.</ref> Erst als Budapest fast eingekesselt war, flohen Eichmann und Dannecker in Wehrmachtsuniform getarnt aus der Stadt.
Im März 1944 traf Dannecker mit anderen Judenberatern in Mauthausen ein, wo das „[[Eichmann-Kommando|Sondereinsatzkommando Eichmann]]“ die Deportation der jüdischen Bevölkerung Ungarns vorbereitete.<ref>Aussage Wislicenys in IMT: ''Der Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher...'', fotomech. Nachdruck München 1989, Band 4, ISBN 3-7735-2502-8, S. 407f.</ref> Die Quellen zeichnen die Aufenthaltsorte in Ungarn und die Tätigkeit Danneckers nur teilweise ab. Verantwortlich für Verhaftungsaktionen war Dannecker zumindest in [[Košice|Kaschau]] und [[Székesfehérvár|Stuhlweißenburg]].<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 135f.</ref> Eine der drei Strecken, auf denen vom November 1944 an jüdische Arbeitskommandos zu Fuß nach Deutschland gebracht wurden, trug die Bezeichnung „Dannecker-Route“. Noch Ende November führte Dannecker Razzien aus, um Personen mit gefälschten Schutzbriefen aufzuspüren.<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 144.</ref> Erst als Budapest fast eingekesselt war, flohen Eichmann und Dannecker in Wehrmachtsuniform getarnt aus der Stadt.


== Nach Kriegsende ==
== Nach Kriegsende ==
Dannecker war bis Mitte März noch in Berlin. Er hielt sich nach der Kapitulation vermutlich einige Monate verborgen, bis er den Aufenthaltsort seiner Ehefrau herausgefunden hatte. Am Tage seiner Ankunft in Bad Tölz, am 9. Dezember 1945, wurde er von amerikanischer Militärpolizei verhaftet. Am folgenden Tag starb Dannecker durch Suizid. Seine Leiche wurde von der Ehefrau identifiziert und danach zur Bestattung freigegeben. Trotzdem wurde Danneckers Tod wiederholt angezweifelt. So vermitteln Eichmanns Aussagen den Eindruck, als versuche er Dannecker zu beschützen und einseitig Wisliceny zu belasten, von dessen Tod er überzeugt war. Das Frankfurter Landgericht wollte in den 1970er Jahren nicht ausschließen, dass Dannecker noch lebe.
Dannecker war bis Mitte März noch in Berlin. Er hielt sich nach der [[Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht|Kapitulation]] vermutlich einige Monate verborgen, bis er den Aufenthaltsort seiner Ehefrau herausgefunden hatte. Am Tage seiner Ankunft in [[Bad Tölz]], am 9. Dezember 1945, wurde er von amerikanischer Militärpolizei verhaftet. Am folgenden Tag starb Dannecker durch Suizid. Seine Leiche wurde von der Ehefrau identifiziert und danach zur Bestattung freigegeben. Trotzdem wurde Danneckers Tod wiederholt angezweifelt. So vermitteln Eichmanns Aussagen den Eindruck, als versuche er Dannecker zu beschützen und einseitig Wisliceny zu belasten, von dessen Tod er überzeugt war. Das Frankfurter Landgericht wollte in den 1970er Jahren nicht ausschließen, dass Dannecker noch lebe.
 
Claudia Steur verweist in diesem Zusammenhang auf einen erweiterten Suizidversuch der Ehefrau kurz nach dem Tode Danneckers. Dabei war der ältere der beiden Söhne nicht mehr zu retten gewesen. Für einen ernsthaften Suizidversuch habe es keinen Grund gegeben, wenn die Ehefrau nicht vom Tode Danneckers überzeugt gewesen wäre.<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 147–150.</ref>
 


== Einzelnachweise ==
[[Claudia Steur]] verweist in diesem Zusammenhang auf einen [[Suizid#Erweiterter Suizid|erweiterten Suizidversuch]] der Ehefrau kurz nach dem Tode Danneckers. Dabei war der ältere der beiden Söhne nicht mehr zu retten gewesen. Für einen ernsthaften Suizidversuch habe es keinen Grund gegeben, wenn die Ehefrau nicht vom Tode Danneckers überzeugt gewesen wäre.<ref>Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X, S. 147–150.</ref>
<references/>  


== Literatur ==
== Literatur ==
* Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. Klartext Verlag, Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X (Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte – Neue Folge, Band 6, herausgegeben von Gerhard Hirschfeld]])
* Claudia Steur: ''Theodor Dannecker. Ein Funktionär der „Endlösung“''. [[Klartext Verlag]], Essen 1996, ISBN 3-88474-545-X (Schriften der Bibliothek für Zeitgeschichte – Neue Folge, Band 6, herausgegeben von [[Gerhard Hirschfeld]])
* Ahlrich Meyer: ''Täter im Verhör. Die »Endlösung der Judenfrage« in Frankreich 1940–1944''. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-17564-6 (vornehmlich S. 36 bis 50)
* [[Ahlrich Meyer]]: ''Täter im Verhör. Die »Endlösung der Judenfrage« in Frankreich 1940–1944''. [[Wissenschaftliche Buchgesellschaft]], Darmstadt 2005, ISBN 3-534-17564-6 (vornehmlich S. 36 bis 50)
* Michael Mayer: '' Staaten als Täter. Ministerialbürokratie und „Judenpolitik“ in NS-Deutschland und Vichy-Frankreich. Ein Vergleich.'' Reihe: Studien zur Zeitgeschichte, 80. Oldenbourg, München 2010, ISBN 978-3-486-58945-0 (zugl. Diss. München 2007). In google.books online lesbar (weiterführend für Tätigkeit in Frankreich)  
* [[Michael Mayer (Historiker)|Michael Mayer]]: '' Staaten als Täter. Ministerialbürokratie und „Judenpolitik“ in NS-Deutschland und Vichy-Frankreich. Ein Vergleich.'' Reihe: Studien zur Zeitgeschichte, 80. Oldenbourg, München 2010, ISBN 978-3-486-58945-0 (zugl. Diss. München 2007). In google.books online lesbar (weiterführend für Tätigkeit in Frankreich)
 
== Quelle ==
Übernahme des Artikels [https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Dannecker Theodor Dannecker] (Wikipedia), abgerufen am 23.6.2020, weiteres siehe dort
 
 
{{SORTIERUNG:Dannecker, Theodor}}
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