Waldhörnle

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Gasthaus (links) und Bierbrauerei (rechts) zum Waldhörnle auf einer handkolorierten Postkarte
Fass im Biergarten des Waldhörnle
Waldhörnle bei Tübingen
Waldhörnle um 1900
Die Ausflugsgaststätte Waldhörnle bei Tübingen (Ausschnitt aus einem Gemälde von Gustav Adolf Closs, 1907)
Brauerei Waldhorn
Fechten vorm Waldhörnle
Pauksälchen und Flickraum
Pauksälchen und Flickraum im Waldhörnle
Waldhörnle um 1920

Das Waldhörnle ist ein Wohnplatz, gelegen südlich von Tübingen auf der Gemarkung Derendingen an der sogenannten „Schweizer Straße“ (Route von Stuttgart nach Schaffhausen), der heutigen B27 bzw. dort Hechinger Straße. Es gab hier den Gasthof Waldhörnle, der sowohl als Raststätte (d.h. Gaststätte mit einer einfachen Übernachtungsmöglichkeit), als auch Ausfluggaststätte funktionierte und daneben eine Brauerei. Nach der Aufgabe der Brauerei zog dort 1927 die Möbelfabrik Beck ein. Der Gasthof wurde Ende der 1980er Jahre aufgegeben und später abgerissen, während die Gebäude der ehemaligen Brauerei bzw. Fabrik seit 1988 von einer bunten Schar von Mietern genutzt werden, die sich zum soziokulturellen Zentrum Sudhaus zusammenschlossen.

Gründung des Gasthofs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Derendinger „Ochsen“-Wirt Johann Jakob Röhm erwarb 1800 das Grundstück an der „Schweizer Straße“ am Fuße des Galgenbergs und erwirkte die Erlaubnis, darauf ein Haus errichten zu dürfen. Er wollte dort für seinen Sohn eine neue Wirtschaft einrichten, konnte diesen Plan allerdings zunächst wegen der unruhigen und kriegerischen Zeiten nicht verwirklichen.

Am 5. November 1805 beantragte sein Sohn beim Landesherrn, ihm eine Konzession für das „Waldhörnle“ zu erteilen: „S[erenissi]me! Nachdem ich 13 Jahre als Mezgerknecht und leztmals 4 Jahre als Keller in Wien, in auswärtiger Fremde zugebracht habe, hat mir mit Eurer gnädigsten Genehmigung mein Vater gleichen Nahmens allhier ein neues Haus auf einen vom gemeinen Fleken erkauften Allmand Plaz zwischen dem Bläsibad und der Stadt Tübingen (...) erbauen und zu einer Wirthschaft einrichten lassen, das ich nun ehestens zu beziehen gedenke (...).“[1] Nachdem er die Genehmigung erhalten hatte, wurde der Gasthof 1807 eröffnet.

Bachner'sche Brauerei AG Waldhörnle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dank der günstigen Lage hatte das Gasthaus einen guten Start. Nach und nach gelang es dem „Waldhorn“-Wirt Röhm, seinen Grundbesitz zu vergrößern und baulich zu erweitern. Seit 1815 betrieb er dort eine eigene Bierbrauerei. Das „Waldhörnle“ war sowohl Raststation für Reisende und Fuhrmänner, als auch ein beliebtes Ausflugsziel der Tübinger Studenten. Zu den Gästen jener Jahre zählte auch der Freundeskreis um Justinus Kerner, der sich sonst in Kerners Studentenstube in der Münzgasse traf.

Der erste „Waldhorn“-Wirt starb 1819 und hinterließ sowohl hohe Schulden als auch ein beträchtliches Vermögen. Da seine Kinder aus zwei Ehen noch unmündig waren, wurde sein gesamter Besitz verkauft und ging in den folgenden Jahren durch verschiedene Hände.

Als das ganze Anwesen 1825 schuldenhalber schon wieder den Besitzer wechselte, ließ das Tübinger Oberamtsgericht als Konkursverwalter eine ausführliche Verkaufsanzeige im „Intelligenz-Blatt“ veröffentlichen: „Die Wirtschaft liegt nur eine kleine halbe Stunde von der Stadt Tübingen an der sehr frequenten Schweizerstraße. Sie ist der Pfarrei und Gemeinde Derendingen eingetheilt, von welchem Ort sie nur eine viertel Stunde entfernt liegt, und war bisher einer von den am häufigsten besuchten Vergnügens-Orten der Inwohner von Tübingen“.

Franz Bachner machte durch sein Bier das Waldhörnle erst richtig berühmt und baute es ab 1852 zum "größten gastwirtschaftlichen Unternehmen Tübingens im 19. Jahrhundert" aus (M.S. Gönner). Auch andere Wirtschaften warben ausdrücklich mit ihrem Bachner-Bier. 1867 bat er um Genehmigung für einen modernen Dampfkessel neben dem Sudhaus, aus dem heute der Kunst-Raum Peripherie geworden ist. Auf einem Stich der Bachner`schen Brauerei AG Waldhörnle von 1898 sieht man den beliebten Biergarten.

Eine Arbeitsordnung aus dem Jahre 1902 beschreibt den schweißtreibenden Alltag der Mitarbeiter der Bachner'schen Brauerei, einschließlich der Arbeit an Wochenenden: Morgens um fünf Uhr begann das Geschäft mit dem Bier. Abends um sieben war für die Brauer, Maschinisten und Heizer Feierabend. Bis dahin hatten die Mitarbeiter gerade einmal drei kurze Pausen. Immerhin bekamen die Angestellten neben ihrem Gehalt auch flüssigen Lohn: Stolze sechs Liter Bier durfte jeder Arbeiter über den Tag zur freien Verfügung halten. Am Sonntag waren es drei Liter.[2]

Fechtlokal der Corpsstudenten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch eine Erweiterung des Gasthofs um Pavillons und eine Kegelbahn wurde Waldhörnle für Tübinger Studenten noch attraktiver und die Zahl der Besucher stieg deutlich. Schlagende Verbindungen machten es zu ihrem „Pauklokal“ und nutzten es regelmäßig zwischen 1888 und 1935 für ihre Mensuren. Der geräumige erste Stock diente als „Paukboden“, gleich nebenan gab es einen „Flickraum“, in dem die blutenden Schmisse von einem „Paukarzt“ genäht werden konnten. Das Mensurfechten war eigentlich verboten, weshalb bei solchen Anlässen stets Wachposten vor dem Haus aufgestellt wurden. Wenn gelegentlich die Polizei aus Tübingen anrückte, war man so stets gewarnt und täuschte einen harmlosen Ausflug ins Grüne vor. Es gab auch einen Fechtplatz im Wald, wo Duelle stattfanden.[3]

Seit dem Ersten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die durch den ersten Weltkrieg finanziell angeschlagene Bachner'sche Brauerei wurde Anfang der 1920er Jahren aufgegeben. In ihre Räume zog 1927 die Möbelfabrik Beck ein, die bis 1987 bestand.[4]

Ebenfalls 1927 erwarb der gelernte Koch Friedrich Keck aus Trossingen die Gaststätte. Er richtete mehrere Fremdenzimmer ein, um vom Reiseverkehr auf der Hechinger Chaussee zu profitieren. Die vier Schlafräume im Waldhörnle waren in den folgenden Jahren gut belegt. Aus Kecks Zapfhähnen floss weiterhin das selbstgebraute Bier. Nur der Name hatte sich geändert: Aus der „Bachnerschen Brauerei“ wurde die „Vereinigte Brauereien Stuttgart-Tübingen, Filiale Waldhörnle“ und schließlich die „Brauerei zum Waldhörnle Robert Woerner“.

Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Friedrich Keck aufgrund seiner Verbindungen zu den Nazis interniert. Die französische Besatzungsmacht beschlagnahmte schon bald die Gaststätte mit den riesigen Räumen. Im attraktiv gelegenen Waldhörnle wurde ein Erholungsheim für französische Kinder eingerichtet, das meistens „voll belegt“ war, wie eine Akte vermerkt.[2]

In der Nachkriegszeit bewarben sich zahlreiche Interessenten um das Lokal, das nominell noch dem inhaftierten Friedrich Keck gehörte. Finanziell potente Bieter aus ganz Württemberg wiesen ihre Nicht-Mitgliedschaft in Nazi-Organisationen nach und versuchten den Kauf. Das „Waldhörnle“ mit seinem politisch in Ungnade gefallenen Wirt erschien als lukratives Schnäppchen.

Doch nachdem Friedrich Keck entlassen und anschließend von der Spruchkammer als „Mitläufer“ eingestuft worden war, konnte er das Lokal im Jahre 1949 wieder eröffnen. Über vierzig Jahre stand unter der Ägide der Kecks die Wirtschaft für Ausflügler und Reisende offen. Das „Waldhörnle“ wurde wieder lebendig. Dass ein damaliger Filmstar wie Inge Meysel in der Derendinger Wirtschaft einkehrte, zeigt: Das „Waldhörnle“ hatte sich wieder als respektable Institution in Tübingen etabliert.

Doch mit der Zeit sank die Attraktivität des Lokals: als Ausfluggaststätte war es nicht mehr geeignet, weil das hohe Verkehrsaufkommen auf der Hechinger Straße den Gästen keine Ruhe ließ. Als Raststätte war es schon, seitdem Autos Kutschen verdrängten, ungeeignet, weil es zu nahe an Tübingen lag. Das Anwesen ist zu einem billigen Gasthof geworden. In den 1980er Jahren war der Gasthof, der bis zuletzt auch Fremdenzimmer anbot, "in die Jahre gekommen".

Da man keine andere Lösung fand, wurde das Wirtshaus vom letzten Wirt, Karl Keck, im Jahre 1990 auf Abriss an die Trans-Contor Betriebs-GmbH verkauft.[2] Dieses Unternehmen ließ sich für den Abriss Zeit und das Gebäude stand noch 17 Jahre ungenutzt. Die leerstehende Ruine des Wirtshauses wurde schließlich 2007 abgerissen.[5] Die gewonnene Fläche wurde von der Stadt an einen Händler vermietet, der sie als Ausstellungsfläche für Gartenskulpturen u. ä. nutzte. Erst 2021 wurde sie zum Parkplatz für das soziokulturelle Zentrum "Sudhaus" umgestaltet, das sich in den ehemaligen Gebäuden der Brauerei und Fabrik seit 1988 etablierte.

Nachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Martin Biastoch: Duell und Mensur im Kaiserreich. Am Beispiel der Tübinger Corps Franconia, Rhenania, Suevia und Borussia zwischen 1871 und 1895 (= GDS-Archiv für Hochschul- und Studentengeschichte. Beiheft. Nr. 4). SH-Verlag, Schernfeld 1995, ISBN 3-89498-020-6.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]