Ulrich Wekenmann



Ulrich Wekenmann (*17. April 1942 in Tübingen) ist Buchhändler im Ruhestand (siehe Buchhandlung Wekenmann), Liebhaber des schwäbischen Dialekts und Rezitator von schwäbischen Gedichten, zum Beispiel von denen seines Jugendfreundes Fritz Holder, und alteingesessener Tübinger: Aufgewachsen in der Altstadt, neben der St. Johanneskirche, in der sein Vater Johannes Wekenmann 47 Jahre Mesner war. Später ist er mit seiner Familie dann zum Wohnen in die Südstadt – in die Alexanderstraße – gezogen und hat das Mit- und Nebeneinander dort mit den Soldaten und Angehörigen der Französischen Garnison bis zu deren Abzug 1991 miterlebt. Seine Kinder sind auch in Tübingen aktiv – Tochter Jutta Wekenmann ist Entspannungs- und Musiktherapeutin (www.entspannung-therapie.de), Sohn Frank Wekenmann ist Gitarrist und als Musiker bundesweit unterwegs.
Zeitzeugengespräch am 10. März 2026 in seinem Haus in der Alexanderstraße
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In einem Zeitzeugen-Interview erzählte er Tüpedia-Autor Fabian Betz einiges an Anekdoten und Erinnerungen als Augen- bzw. Zeitzeuge. Die Texte hier unten im Artikel sind Auszüge aus dem Interview, transkribiert und neu zusammengefasst - das ausführliche Interview in Mundart ist in mehreren Ausschnitten als Tondateien hier zu hören.
1. Katholisch Aufwachsen in der Tübinger Altstadt - der „Diaspora“ - und Erinnerungen an Fritz Holder
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Ausschnitt des Interviews inkl. zweier vorgetragener Fritz-Holder-Gedichte:
Fabian Betz: Sie kannten den späteren Tagblattredakteur Fritz Holder schon seit Ihrer Jugend.
Ulrich Wekenmann: Ja, Fritz Holder war mein Nachbar. Er wohnte in der Bachgasse – die wir scherzhaft „Stalinallee“ nannten, weil dort drei Kommunisten wohnten – und ich in der Froschgasse - der “Rue de la Quak”. Die Luftlinie betrug kaum 100 Meter. Wir waren beide Exoten in der Altstadt, weil wir katholisch waren. Um die Jahrhundertwende um 1900 gab es in Tübingen ja gerade mal rund 600 Katholiken. Wir waren Ministranten und in der katholischen Jugend, das verband uns sehr eng. Wir fühlten uns als Minderheit aber nie diskriminiert; beim Spielen auf der Straße gab es höchstens mal das Schimpfwort „katholisches Kreuzköpfle“, aber das war harmlos.
Fabian Betz: Wie kam Fritz Holder eigentlich zum Journalismus?
Ulrich Wekenmann: Fritz hatte acht Jahre Volksschule besucht und vierzehn Jahre als Schriftsetzer bei der Druckerei „Laupp“ gearbeitet, dort wo heute die Volksbank ist. Dann bewarb er sich bei der Schwäbischen Tagblatt um eine Volontärsstelle. In seiner Bewerbung stand sinngemäß dieser wunderbare Satz: „Trotz des mir fehlenden Abiturs wage ich mich anzustellen...“. Seine Charakterfestigkeit und auch die als Grund dafür aufgeführte Tatsache, dass er katholisch war, überzeugten sie wohl damals. Seine Gedichte liebe ich sehr und trage sie bei Veranstaltungen heute noch gelegentlich vor.


Fabian Betz: Wo traf sich die katholische Jugend damals?
Ulrich Wekenmann: Im Gemeindehaus in der Münzgasse 7, wo heute das Studentenwerk ist. Dort hatten wir unsere Gruppenräume, feierten Fasching und andere kleine kirchliche Feste. Aus diesen Kreisen entstand auch unsere Pfingstausflugs-Gruppe, die 50 Jahre lang regelmäßig gemeinsam unterwegs war. Einmal waren wir zum Beispiel bei einem unserer Kameraden, dem Physiker Anton Öd, im Atomzentrum in Grenoble. Von den damals 17 Leuten auf unserem alten Ausflugsfoto von 1975 leben heute leider nur noch zwei.
Holder-Gedichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Gedichte in Original Schwäbisch:
"A Gôg in dr Fremde"
"D'Lateinere"
Gedicht von Fritz Holder über Ulrich Wekenmanns Vater, den St. Johannes-Mesner Johannes Wekenmann
Der Vater als langjähriger Mesner in St. Johannes und die gelebte Ökumene
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ausschnitt des Interviews zum Vater Johannes Wekenmann, zum Ministranten-Leben in den 1950er Jahren, der Zeit mit der französischen Besatzung und dem Zusammenspiel von evangelischer Mehrheit und katholischer Minderheit:
Fabian Betz: Ihr Vater war eine prägende Gestalt der St. Johannesgemeinde und fast 50 Jahre lang Mesner.
Ulrich Wekenmann: Ja, er wurde 1905 geboren und war von 1922 bis 1970 – also fast 48 Jahre lang – Mesner. Er hat unzählige Universitätsprofessoren erlebt. Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil las nämlich jeder Pfarrer und Professor täglich seine Messe. Morgens um 5:50 Uhr ging es an drei bis vier Altären gleichzeitig los, und jeder brauchte seinen eigenen Ministranten. Mein Vater hatte eigentlich gar keine theologische Ausbildung und konnte kein Latein, hat uns Ministranten aber all die lateinischen Gebete beigebracht. Später engagierte er sich im Stadtrat und bei der Kolpingfamilie. Für seine vielen Verdienste erhielt er von Papst Paul VI. den Verdienstorden „Bene mereti“. Das große Fotoalbum mit seiner Lebensgeschichte habe ich 2019 dem Tübinger Stadtarchiv vermacht.
Fabian Betz: Wie war damals das Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten in Tübingen?
Ulrich Wekenmann: Da gibt es eine wunderbare Geschichte von 1961/62. (Anmerkung Redaktion: Die Johanneskirche wurde 1961/62 renoviert, nicht von 1962 bis 1964, wie im Interview irrtümlich erwähnt). Damals wurde St. Johannes renoviert und wir mussten unsere Gottesdienste im Pfleghofsaal feiern, der viel zu klein war. Mein Vater traf den Stiftskirchen-Mesner Weber auf dem Marktplatz und sagte im Scherz: „Wir sind auf Herbergssuche für Weihnachten.“ Daraufhin lud uns Weber spontan in die evangelische Stiftskirche ein! Nach kurzer Rücksprache mit den Gremien durften wir dort tatsächlich unsere katholische Mitternachtsmesse feiern. Die Kirche war proppenvoll – es war das erste Mal seit der Reformation, dass dort eine katholische Messe stattfand. Ökumene funktioniert eben am besten von unten. Ein paar Jahre später revanchierte sich St. Johannes, als die Stiftskirche renoviert wurde und die evangelische Gemeinde bei uns zu Gast war.
Die theologische Buchhandlung und ein päpstlicher Kunde
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ausschnitt des Interviews - zur Buchhandlung und ihren Phasen im Laufe der Zeit:
Fabian Betz: Sie haben 43 Jahre lang zusammen mit Ihrer Frau die bekannte Buchhandlung Wekenmann geführt. Haben Sie diese gegründet?
Ulrich Wekenmann: Nein, meine Eltern haben 1934 einen ganz kleinen Laden von zwei älteren Damen in der Froschgasse 2 übernommen. Später zogen sie in die Lange Gasse 38. Ich selbst habe dreieinhalb Jahre Buchbinder gelernt und bin 1959 ins elterliche Geschäft eingestiegen. Das Besondere war: Wir waren eine theologische – ursprünglich katholische, später ökumenische – Buchhandlung. Ich habe immer gesagt: „Was ökumenisch ist, ist auch ökonomisch.“ Wir waren auch ein Devotionalienladen. Wir verkauften christliche Kunst, Taufkerzen und lieferten Kommunionbedarf sowie die Hostien für alle Tübinger Kirchen. Später zog das Geschäft dann in das Eckhaus Richtung St. Johannes um.
Fabian Betz: Es gibt da ja eine schöne Geschichte über Professor Joseph Ratzinger, den späteren Papst Benedikt.
Ulrich Wekenmann: Ja, Professor Ratzinger war Kunde bei mir. Er kaufte einmal ein sehr schönes Bronzekreuz, eine romanische Nachbildung. Dann sagte er: „Herr Wekenmann, ich habe ein Problem: Ich habe keinen Hammer und keinen Nagel.“ Ich antwortete: „Herr Professor, ich komme heute Abend nach Dienstschluss zu Ihnen in die Friedrich-Dannenmann-Straße, dann hängen wir das Kreuz auf.“ Das habe ich auch gemacht. Wenn ich gewusst hätte, dass er mal Papst wird, hätte ich den Nagel wenigstens wieder herausgezogen! Auch mit Professor Hans Küng war ich gut bekannt. Ich habe immer gesagt, wir haben praktisch miteinander angefangen – er 1959 als Professor in Tübingen und ich im Geschäft meiner Eltern.
Kurzausschnitt des Interviews - Anekdote zum Professor Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt:
Die Entwicklung der Südstadt: Zur Alexanderstraße und dem Umfeld mit der ehemaligen französischen Garnison
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Fabian Betz: Sie haben hier als Anwohner der Alexanderstraße lange mit der Anwesenheit der Französischen Militärangehörigen und dann die ganze Südstadtentwicklung nach deren Abzug miterlebt. Der Alexanderpark ist ja sehr schön geworden, mit den großen Bäumen. Wie war das früher?
Ulrich Wekenmann: Früher war der Park nicht öffentlich zugänglich. Vorne am Alexanderpark war alles durch eine Mauer mit einem großen Stahltor verschlossen, dort saß die französische Administration. Die Panzer standen unten in der Loretto- und draußen in der Hindenburg-Kaserne. Später, als die Franzosen weg waren, war unter anderem die Referendarschule dort untergebracht.
Fabian Betz: Sie haben Ihre Familie hier in der Alexanderstraße 43 gegründet. Die Häuserzeile war damals neben der französischen Garnison, die ja eine Art „Stadt in der Stadt“ war.
Ulrich Wekenmann: Genau. Wir wohnen hier direkt gegenüber dem Zahlmeisterhäuschen der ehemaligen französischen Garnison. Das Haus gab es schon vor dem Ersten Weltkrieg. Später wurde es zur französischen Bank; da steht heute noch ein riesiger Tresor drin, den man gar nicht mehr herausbekommt. Unsere Häuser hier – sieben Holzhäuser, ähnlich denen in der Goethestraße – wurden um 1950 gebaut. Ursprünglich waren sie für französische Offiziersfamilien geplant, aber wegen der Währungsreform fehlte das Geld, sodass sie privat an Tübinger verkauft wurden. 1973 konnte ich dieses Haus dann von einem älteren Ehepaar erwerben.
Fabian Betz: Hat man die Franzosen im Alltag stark wahrgenommen? Gab es da große Zäune?
Ulrich Wekenmann: Wir hatten durch die Franzosen eigentlich nie Beeinträchtigungen. Sie fielen im Stadtbild höchstens dadurch auf, dass sie gerne die Motoren ihrer Autos laufen ließen – besonders, wenn sie mit Chauffeur kamen. Der Abzug der Franzosen war für uns Anwohner anfangs sogar auch ein Nachteil, weil wir plötzlich Parkplatzprobleme bekamen. Die Leute vom Loretto-Viertel parkten bei uns, und der Parkdruck reichte zeitweise vom jetzigen Zinser-Dreieck bis zum Bergfriedhof.