Neugotik

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Johanneskirche, Westwerk

Die Neugotik, auch Neogotik oder Gothic Revival genannt, ist ein auf die Gotik zurückgreifender historistischer Kunst- und Architekturstil des 19. Jahrhunderts. Die Neugotik zählt zu den frühesten stilistischen Unterarten des Historismus, der auf Kunst- und Architekturstile der vorausgegangenen zwei Jahrtausende zurückgriff.

Im Mittelpunkt der Verbreitung der Neugotik stand ein umfassendes Bau- und Einrichtungsprogramm, das bis in die Literatur und den Lebensstil Einzug hielt. Die Formensprache der Neugotik orientierte sich an einem idealisierten Mittelalterbild. Ihre Blüte hatte sie in der Zeit von 1830 bis 1900. Unter der Auffassung, an Freiheit und Geisteskultur mittelalterlicher Städte anzuknüpfen, errichtete man in neugotischem Stil vor allem Kirchen, Parlamente, Rathäuser und Universitäten, aber auch andere öffentliche Bauten wie Postämter, Schulen, Brücken oder Bahnhöfe.

Nach Erwin Panofsky war das Gothic Revival von einer romantischen Sehnsucht nach einer nicht mehr zurückzuholenden Vergangenheit geprägt, wohingegen die Renaissance danach getrachtet habe, dem Alten eine neue Zukunft abzugewinnen. [1]


Gotische und neugotische Kirchen erhielten im 19. Jahrhundert oft dem Stil nachempfundene Ausstattungselemente. Diese wurden später "Schreinergotik" genannt. Der Begriff wurde zunächst abwertend für Kirchenmobiliar, das den Stil der Gotik imitiert, gebraucht. Die Objekte, wie Altäre, Kanzeln, Kommunion- und Kirchenbänke und Orgelprospekte sind aus flächigen Grundelementen aufgebaut, die von Schreinern geschaffen wurden und auf denen anschließend aufwändige Schnitzereien angebracht wurden. Diese Elemente sind in der Regel aufwändig gefasst und teilweise mit Blattgold verziert.

In den 1950er und 1960er Jahren wurden viele Einrichtungsstücke dieser Art bei der „Purifizierung“, d. h. der Entfernung stilfremder Elemente im Zuge der Denkmalpflege und der Restaurierung der Kirchen entfernt und vernichtet. Andreas Menrad bezeichnet dieses Vorgehen im Sinne der Denkmalpflege als gedankenlosen Vandalismus. [2]


Tübingen[Bearbeiten]

Die katholische Kirche St. Johannes Evangelist wurde 1875-78 von Hofbaumeister Joseph von Egle erbaut. Sie ist stilistisch ein typischer Vertreter der neugotischen Kirchenbaukunst. Auffällig sind die Anklänge an die mittelalterlichen Bettelordenskirchen, insbesondere an die Dominikanerkirche St. Paul in Esslingen am Neckar.

Das Corpshaus der Studentenverbindung Rhenania wurde 1885/86 von Adolf Katz in neugotischen Formen mit Reminiszenzen an Burgarchitektur in Anlehnung an die Theorie des französischen Restaurators Eugène Viollet-le-Duc (1814–1879) errichtet.[3] Es ist auch das erste speziell für eine Verbindung erstellte Haus in Deutschland. Die Erweiterung von 1911 folgt teilweise moderneren Gestaltungsprinzipien.

Auch die Stiftskirche war z.T. mit "Schreinergotik" ausgestattet, z.B. ein Altar und die ehemaligen Emporen. Beides wurde bei der Renovierung 1962-65 entfernt. Der Altar befindet sich heute hinter einem Gatter im Turm.


Beispiele[Bearbeiten]

Fotos[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Neugotik (Wikipedia)
  2. Schreinergotik (Wikipedia)
  3. Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Dehio. Baden-Württemberg, Teil II. - München, Berlin 1997