Gernot Närger

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Gernot Närger

Gernot Närger (* 2. Januar 1937 in Chemnitz, † 17. Juni 2024 in Tübingen) war ein Kunsthistoriker und Buchhändler in Tübingen. In den 1960er bis 1980er Jahren hat er in den Tübinger Buchhandlungen Gastl und Tabula gearbeitet. Später war er von der Stadt Tübingen beauftragt, ein Inventar der wichtigsten Gebäude des 19. und 20. Jahrhunderts zu erstellen. Außerdem hat er im Auftrag des Landes Baden-Württemberg die Sanierung des Schlosses Ludwigsburg bauhistorisch begleitet.  Als Privatgelehrter beschäftigte er sich im Ruhestand weiterhin mit der Tübinger Architekturgeschichte.

Leben[1][Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gernot Närger ist in Breslau (heute Wrocław in Polen) aufgewachsen. Während der Vater an der Ostfront in  Russland kämpfte, wurde die Mutter unheilbar krebskrank und starb. Närger wurde einem Evakuierungstransport zugeteilt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs er als Flüchtling in bescheidenen Verhältnissen bei Mühlhausen in  Thüringen auf. Auch dem Vater war kein langes Leben beschieden. Er starb 1951. Damit wurde Gernot Närger zum Vollwaisen. Weil er als „Intelligenzkind“ in der DDR nicht die Oberschule besuchen durfte, ging er (1951) nach  Westberlin und besuchte dort  das Rheingau-Gymnasium in Berlin-Friedenau.

Nach dem Abitur im März 1957 kam er  zum Studium nach Tübingen, wo er sich für die Fächer Französisch und Geschichte einschrieb. Später wandte er sich der Kunstgeschichte  zu.

1969 bezog Gernot Närger mit  seinem damaligen Lebenspartner eine gemeinsame Wohnung am Tübinger Denzenberg und machte daraus keinen Hehl. Soweit heute bekannt, war das in Tübingen die erste sichtbare schwule Lebenspartnerschaft. Dass  zwei junge Männer zusammenzogen und sich dabei nicht versteckten, war damals ein Novum und brauchte einigen Mut. Denn der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches war gerade erst entschärft worden.

Närgers Wohnung war in den 1970er Jahren ein beliebter Treffpunkt seines Freundeskreises. Zu den  Besuchern gehörte auch der Literaturkritiker Hans Mayer. Närgers Bekanntschaft mit zahlreichen Intellektuellen blieb nicht unbemerkt. Sie brachte ihm ein  unangenehmes Interview ein, weil ihn die Stasi für ihre Zwecke anheuern wollte. Närger wies das mit der  Bemerkung ab, er sei als Bürger der Bundesrepublik Deutschland dafür nicht zu haben.

Leidenschaft für Bau- und Architekturgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1989 beschäftigte er sich intensiv mit dem Tübinger Architekten Franz Bärtle und gestaltete eine Ausstellung[2] zu dessen Werk in der Volksbank.[3] In den frühen 1990er Jahren erforschte Närger für das  Sonderamt für Altstadtsanierung die Tübinger Kulturdenkmale. Am Ende seiner beruflichen Laufbahn  bis zur Rente erforschte er für die staatliche Hochbauverwaltung die Geschichte der barocken Schlossanlage in Ludwigsburg.

Im Ruhestand engagierte er sich weiterhin für die Tübinger Architekturgeschichte - so zum Beispiel beim Tag des offenen Denkmals mit  Führungen zum  Uhlanddenkmal oder zum Bahnbetriebswerk. Es folgten Führungen zur Villenkolonie am Denzenberg, zum verwunschenen Garten der Villa Lust in der Neckarhalde, dem illustren Wohnhaus der Komponistin Josephine Caroline Lang oder dem Evangelischen Stift und dessen verzwickten Baugeschichte. Zuletzt widmete er seine Forschungen der Mensa Wilhelmstraße, die in den 1960erjahren nach Entwürfen von Paul Baumgarten  gebaut worden war. Die Behörden wollten die Mensa abbrechen, weil diese angeblich nicht mehr sanierbar sei. Die Bürgerinitiative Wilhelmvorstadt/Univiertel formierte sich dagegen. Deren Gründung erfolgte im Jahr 2009, unmittelbar nach Närgers Führung  durch die Wilhelmstraße und deren Kulturdenkmale. Närger wurde zum wichtigen Mitstreiter und lieferte  mit seinen Forschungen die historischen Argumente. Außerdem hatte er die praktische Idee, während der Sanierung den Mensabetrieb in die alte Shedhalle (Schlachtviehhalle des  ehemaligen Schlachthauses) in der Nähe zu verlegen. Dieses Konzept griff und war letztlich erfolgreich. So konnte die Mensa zum Wintersemester 2024 nach fünfjähriger Bauzeit wieder eröffnet werden.

Gernot Närger hat nur wenig von seinen Forschungen publiziert, um so wichtiger ist die Bewahrung seines wissenschaftlichen Nachlasses. Dieser ist derzeit noch in Privatbesitz soll aber nach einer ersten Vorordnung 2025 dem Stadtarchiv Tübingen übergeben werden.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zusammengestellt auf Grundlage seines schriftlichen Nachlasses, der 2025 dem Stadtarchiv übergeben werden soll.
  2. Prägend für das Bild von Tübingen, Der Architekt Franz Bärtle, Ein Beitrag von Gernot Närger zur Ausstellung in der Volksbank, Schwäbisches Tagblatt vom 17. Februar 1989.
  3. Gernot Närger: Franz Bärtle 1872-1960, Ein Tübinger Architekt, Tübingen 1989 (Tübinger Kataloge Nr. 31).