Gerhard Bialas
Gerhard Bialas (* 21. Juli 1931, † 12. Juli 2022) war als bekennender Kommunist (KPD, später DKP) über Jahrzehnte in der Tübinger Lokalpolitik und vielen Initiativen aktiv. Bis an sein Lebensende als Neunzigjähriger wurde er vom Verfassungsschutz beobachtet, was über Tübingen hinaus in den Medien Beachtung fand. Sein lebenslanges politisches Engagement wurde nicht zuletzt mit dem von G. Kehrer-Bleicher und M. Stirner herausgegebenen Buches (siehe Abbildung) anlässlich seines 90. Geburtstages gewürdigt.
Biographische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
- Am 21.07.1931 im niederschlesischen Schweidnitz geboren, ca. 40 km von Breslau entfernt.
- Er erlebt als Jugendlicher Bombenangriffe und sieht auch den Todesmarsch von KZ-Insassen.
- Im März 1945 kommt die Familie Bialas (Vater TBC-krank) mit einem Flüchtlingszug nach Bayern.
- 1948-50 eine Gärtnerlehre in Forchheim/Oberfranken.
- Geht 1950 nach Horb, wo ein Onkel wohnt, arbeitet auf dem Bau.
- Lebt ab September 1951 in Tübingen, beschäftigt bei der Landschaftsgärtnerei Weimer.
- 1954 Heirat mit Christa (1930-2021), geboren in Altwasser/Schlesien, haben dann 6 Kinder.
- 1966 legt die Prüfung als Gärtnermeister / Landschaftsgärtner ab.
- 1968 erhält er eine Stelle im Neuen Botanischen Garten,
- wo er für die nächsten 27 Jahre als Reviergärtner für das „Ökologische Alpinum“ zuständig ist
- und auch die Außenanlagen im Berghaus Iseler der Universität Tübingen in Oberjoch gestaltet.
- 1995 wird er Rentner mit vermehrter Zeit für Imkerei, seinem Hobby seit dem 10. Lebensjahr.
Politisches Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Am Arbeitsplatz, durch Kollegen politisiert, nimmt er …
- 1951 im August an den 3. Weltjugendfestspielen in Ost-Berlin teil,
- geht dabei illegal über die Grenze und erhält eine Strafe über 12 Mark.
- Tritt im Okt 1951 in die KPD und die FDJ ein. (1956 KPD-Verbot)
- 1961 Gründungsmitglied der DFU (Deutsche Friedens Union), Mitglied beim VVN
- 1968 Gründung der DKP
- Bialas wird im März 1969 Mitglied und Ortsgruppenvorsitzender in Tü.
- 1975-2005 Mitglied im Tübinger Gemeinderat
- 1975: 2 Sitze für die DKP zusammen mit Harald Schwaderer und später mit Anton Brenner
- von 1999 bis 2005 im Kreistag
Dazu Aktivitäten als Gewerkschaftler (u.a. Nelkenverkauf bei der Kundgebung am 1. Mai), Personalrat, Infostände auf dem Holzmarkt, Leserbriefe, Herausgabe des kommunalpolitischen Magazins „Gläsernes Rathaus“ der Fraktion von 1975-2008, das seit 2020 wieder unregelmäßig erscheint.
Exemplarisch für die vielen Initiativen, bei denen das Ehepaar Bialas aktiv war, seien die Proteste gegen das NATO-Tanklager in Bodelshausen genannt, bei dem Gerhard Bialas als Kreisrat 2009 Widerspruch gegen das Planfeststellungsverfahren für die Wiedereröffnung einlegte, wobei ihm eine öffentliche Diskussion über Militarisierung und auch ökologische Fragen wichtig waren. Die Reaktivierung des Tanklagers in Bodelshausen ist im Frühjahr 2025 erneut aktuell.[1]
Gerhard Bialas war 1987 auch Mitbegründer der Bürgerinitiative Weststadt. Die Broschüre anlässlich des 25-jährigen Bestehens der BI 2012 enthält u.a. ein Interview, das Gabriele Huber mit ihm führte.[1]
Beobachtet durch den Verfassungsschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Im Verfassungsschutzbericht Baden-Württemberg von 1982 ist ein Wahlplakat der DKP abgebildet, auf dem Gerhard Bialas zu sehen ist. (siehe: Bialas-Buch S. 162) Bei Schriftverkehr mit den Ministerpräsidenten Teufel und Kretschmann (als Student KBW-Mitglied) legte man Bialas nahe, dass bei seinem Austritt aus der DKP die Beobachtung beendet würde, was er immer ablehnte. Launig äußerte er sich in einem Interview mit dem Radio Wüste Welle vom 3.09.2012:
„Die haben etwas Pech mit mir, die tun sich da etwas schwer. Sie können nicht mein Internet, Anrufbeantworter oder Handy kontrollieren. Weil ich keines hab. Sie müssen immer noch meine Leserbriefe rausschnippeln und die Artikel lesen, die im Tagblatt kommen oder jemand hinschicken, wenn ich irgendwo in einer Veranstaltung bin. Die müssen noch schaffen.“
Einerseits erhielt das Ehepaar Bialas vom Land Glückwünsche zur diamantenen Hochzeit, andererseits war das Innenministerium von BaWü nicht bereit, die Beobachtung einzustellen. Dieser Widerspruch wurde auch von der überregionalen Presse aufgegriffen, z.B. in der Wochenzeitung Kontext: unter der Überschrift "mit Grüßen vom roten Uropa" [2] oder in der Süddeutschen Zeitung im Jahr 2012 [3].
Eine ausführlichere Darstellung ist zu finden im 9. Kapitel "... bespitzelt bis ins Grab" des Bialas-Buches ab Seite 157 oder mit vielen Dokumenten und Buchegger-Karikaturen auf der Bialas-blog-Seite. [4]
Würdigungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Im Jahr 2018 wurde Gerhard Bialas mit der Hölderlin-Plakette durch den Gemeinderat geehrt. Damit werden Persönlichkeiten ausgezeichnet, die sich über einen langen Zeitraum für die Universitätsstadt Tübingen und ihre Einwohner/innen herausragend engagiert haben. [5]
Seine Ehefrau Christa erhielt anlässlich ihres 90. Geburtstages den Bürgerpreis der Bürgerstiftung Tübingen. Artikel im Tagblatt vom 02.03.2020 „Christa Bialas: Mehr als die Frau an seiner Seite“ [6]
Anlässlich seines 90. Geburtstages erschien das oben bereits erwähnte Buch; im Club Voltaire fand dazu eine Veranstaltung statt, über die Wolfgang Albers im Tagblatt vom 21.10.2021 unter dem Titel „So flieg, du rote Fahne!“ berichtete. [2]
Renate Angstmann-Koch würdigte im Tagblatt vom 21. Juli 2021 Bialas als „Ein wehrhafter Kämpfer für den Frieden.“ Dieser Artikel ist als pdf auf der Seite [7] abrufbar, während die anderen Tagblatt-Seiten nur für Abonnenten bzw. mit Werbetracking ganz lesbar sind.
Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Gegen die Verleihung der Hölderlin-Plakette an Gerhard Bialas hatte Dietmar Schöning (FDP) Protest erhoben, mit der folgenden Begründung: Bialas Bekenntnis zur DKP sei ein Bekenntnis zum Stalinismus, und das sei nicht preisenswert im Sinne des Grundgesetzes. "Deshalb kann er kein Vorbild sein und damit auch keine Medaille bekommen".[3]
Nachrufe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Am 4.11.2021 verstarben Christa Bialas und am 12.07.2022 Gerhard Bialas.
- DKP mit einem Interview mit Gerhard Bialas aus dem Jahre 2018 [8]
- Tübinger Linke [9] mit der Trauerrede von Lothar Letsche am 08. August 2022 auf dem Bergfriedhof, in der das Leben und das politische Wirken von G. Bialas gewürdigt wird.
- Im Schwäbischen Tagblatt von Renate Angstmann-Koch:
Gedicht von Gerhard Bialas[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Das Gedicht zum Jahreswechsel 2014/15, das auch als Leserbrief im Tagblatt veröffentlicht wurde, verdeutlicht die lebenslange antimilitaristische und soziale Werthaltung von Gerhard Bialas:[4]
Friedenswelt
Wir lassen uns nicht Krieg bescheren
für die frohe Weihnachtszeit
Frieden wollen wir begehren
für den Erdball weit und breit.
Besser ohne Rüstung leben -
ein erstrebenswertes Ziel.
Über Feindschaft sich erheben
Gutes schaffen richtig viel.
Dass Menschen eine Heimat haben,
vor Elend niemand flüchten muss.
Am Reichtum solln sich alle laben
ohne Kummer und Verdruss.
Lasst euch nicht in Kriege schicken!
Zuhaus bei Muttern wächst das Brot.
Nicht in Konflikten sich verstricken -
Entspannung leben gegen Not.
Solls Friedenslicht die Welt erhellen
erwärmen jedes Kämmerlein.
Statt grauenhaft Geschütze bellen
friedlich lasst uns einig sein.
Im Neuen Jahr seid gut zum Leben,
dann meint es auch das Leben gut.
Am Friedensbande weiter weben,
Spuren in Tübingen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
2003 zog das Ehepaar Bialas aus der Gösstraße in Tübingens höchstes Hochhaus im Weißdornweg in eine Wohnung im 6. Stock mit toller Aussicht.[5] Das Grab ist auf dem Bergfriedhof.
