Belagerung von Schloss Hohentübingen durch die Franzosen - Chronologie

Aus TUEpedia
Wechseln zu:Navigation, Suche

Originalberichte von 1647 aus verschiedenen Quellen - wegen der Länge aufgeteilt in mehrere Artikel.

Das ist Teil 1 - die anderen folgen hier: Teil 2 | Teil 3 | Anmerkungen und Quellen

Chronologie der Belagerung von Schloss Hohentübingen durch die Franzosen im Jahre 1647 nach Originalquellen[1]- Teil 1: bis Ende Februar 1647[Bearbeiten]

Das evangelisch-lutherische Herzogtum Württemberg erfuhr vor allem in der zweiten Phase des Dreißigjährigen Krieges, zwischen 1634 und 1648, großes Elend und ungeheure Verluste an Menschenleben. Im Verlauf dieses Kriegsabschnittes kämpften schwedische und französische Armeen gegen Truppen des Deutschen Kaisers und seiner Reichsstände. Während zu Münster und Osnabrück die hohen Herren schon seit 1644 um einen möglichen Frieden debattierten, verheerten heruntergekommene Kriegsvölker das Heilige Römische Reich und seine Nachbarländer; „Da erschien sogar mit einemmal Tübingen bestimmt, den letzten Sturm des ganzen Krieges auszuhalten, und der Schauplatz der letzten Waffenthat desselben im Lande zu werden.“ (EIFERT 1849, S. 158) [2]

Im Jahr 1647 hielten bayerische Söldner das Schloss Hohentübingen [3] besetzt, während sich eine französische Armee unter Generalfeldmarschall Turenne auf dem Vormarsch befand [4].



Belagerung 1647 tuepedia.jpg

"Wahrer Vnd Eigendlicher Abris Der Statt Vnd Vestung Hochen Tübingen Wie Die Selben Von Ihr Excellenz MarckGraff D-Hocquincourt General Leutenant Den 4 ... Miniert Vnd Mit Acort Vbergeben Worden Anno 1647"; Quelle: Tübinger Blätter



26. Dezember 1646 (05. Januar 1647) Beratungen der Universität mit der Stadt wg. des Anmarsches der Tourneischen Armee auf Tübingen; Unterredung mit Peter Pflaumber (Obristenleutnant, Fürstl. Württ. Rat, Oberamtmann zu Weinsberg, Möckmühl u. Neuenstadt); "Matthäus Krämer, Rauscher, Geilfueß" (Senatsprotokolle UAT)

08. (18.) Januar Feldmarschall Turenne befindet sich in Saulgau. Das französische Reichskorps kommt von Überlingen, wo es vergeblich die Bayern angegriffen hat. Ein schwedisches Korps unter General Wrangel belagert derweil Lindau, in dem Graf Maximilian von Waldburg eine kaiserliche Besatzung befehligt (MARTENS 1847, S. 478/499).

12. (22.) Januar Die Franzosen beschießen Balingen (MARTENS 1847, S. 478/499).

13. (23.) Januar Die Franzosen nehmen Balingen ein (MARTENS 1847, S. 478/499).

21. (31.) Januar Sitzungsprotokoll des Senats der Universität Tübingen ein „Herzogliches Reskript wegen des Abzugs der kurbayerischen Garnison auf Hohentübingen“ (Senatsprotokolle UAT)

Montag, 24. Januar (03. Februar) Bericht von (Prof.?) Dr. Wurm[b]ser über seine Verhandlungen mit Obrist Schafelitzky in Stuttgart wegen dessen Reise nach Bayern; Schreiben an Herrn von Torraine wg. des Anzugs seines Reitervolkes auf Tübingen; "Untervogt Mütschelin, Bm. Johann Jakob Vollmar, Herr Geylfueß" (Senatsprotokolle UAT)

Turenne rückt, von Trochtelfingen kommend, auf Tübingen vor [5]. Bei Derendingen verhalten 800 Reiter [6] und schicken 50 Mann auf dem Fahrweg entlang der Steinlach voraus. Diese Vorhut der Franzosen [7] versucht es im folgenden mit einer Kriegslist: während ihr Haupttrupp unter den Linden am Derendinger Schützenhaus wartet, ziehen sechs Reiter weiter zum Tübinger Neckartor, wobei zwei von ihnen waffenlos und „halben ausgezogen“ auf abgehalfterten Pferden vor den Schlagbaum [8] geführt werden. Von der Stadtwache nach Herkunft und Begehr gefragt, geben die Männer an, sie seien Soldaten des kaiserlichen Obristen Sporck und brächten diese beiden unterwegs aufgegriffenen Franzosen auf das Schloss, wo man um Einquartierung bitten lasse. Zunächst glaubt die Wache diesen Angaben, öffnet die Schranke und führt die Reiter näher an das Stadttor, dann aber schöpft man Verdacht [9] und macht Meldung beim Kommandanten der bayerischen Schlossbesatzung, Hauptmann Wolf Ulrich von Pürck.

Die französischen Reiter kehren „in großem Gelächter“ um und die gesamte Vorhut zerstreut sich rasch, als vom Hohentübingen aus mit einer Feldschlange auf sie geschossen wird. Noch zwei weitere Male nimmt man die Franzosen „aus einem Eißenen Stuckh“ unter Beschuss, ohne ihnen allerdings Verluste zuzufügen. Turenne selbst macht sich anschließend „einen starckhen Doppelhackhen [10] Schuß gegen Tübinger Schloß über“ ein Bild von der Befestigung [11]. Er fordert durch einen Trompeter als Unterhändler, welcher von den Bayern „(nach) militarischem Ritu“ empfangen wird, die Besatzung zur Übergabe auf. Die Antwort des Schlosskommandanten lautet: man würde Hohentübingen „herzlich gern“ an die Franzosen übergeben („cediren“), wäre aber ohne Wissen, „Will und Meynung“ des Kurfürsten zu Bayern dazu nicht befugt, daher wolle man „alßobalden“ einen Kurier um Weisung abschicken und bis zu dessen Rückkehr dem kurfürstlichen Befehl zum Ausharren „strictissime“ nachkommen.

Kommandant Pürck verbirgt erfolgreich, dass sich zu dieser Zeit nur 26 Kriegsknechte auf dem Schloss befinden, weil der größte Teil der Besatzung, darunter 60 Musketiere, „an andere Orth“ ausgeschickt wurde [12]. Anstatt also die Festung gegen Verstärkungen abzuriegeln, zieht sich Turenne auf Reutlingen und Pfullingen zurück, „alda in dem Nacht Quartier zuverbleiben“.

Etwa eine Stunde nach ihrem Abzug wird den Franzosen eine Abordnung („Commission“) von Stadt und Universität Tübingen nachgesandt. „Joh. Martin Rauscher, Hugo Maurique Ein MömpelGartischer Studiosus, (...), Und Herr Matheus Krämer Burgermeister“ gelangen in Begleitung besagten französischen Trompeters nach Pfullingen und überbringen Turenne folgende Nachricht („Postillion“): Tübingen habe sich gegenüber den Franzosen nie feindlich gezeigt, beabsichtige dies auch in Zukunft nicht zu tun, daher ergehe die Bitte, Stadt und Universität „in allen nach mügligkeit gndgst zuverschonen“.

Dienstag, 26. Januar (05. Februar) Erlangung eines Schutzbriefes von General Tourrein (Turrein), zur Zeit im Quartier zu Pfullingen, durch Prof. Johann Martin Rauscher, Hugo Morique u. Matthäus Krämer (Senatsprotokolle UAT)

Die Abgeordneten aus Tübingen kehren um vier Uhr nachmittags mit dem begehrten Schutzbrief („Salva Quardi“) zurück, welcher sich allerdings nur auf die Universität bezieht.

In den darauf folgenden Wochen sind kaum französische Streifen in der Umgebung Tübingens anzutreffen; hernach verbreitet sich in der Stadt schon Gerede, die Aufforderung zur Übergabe sei nicht mehr als ein bloßer Versuch („tentement“) gewesen.

Freitag, 29. Januar (08. Februar) Bericht an den Untervogt über die Ankunft des Turrenischen Volkes (Senatsprotokolle UAT)

Sonntag, 31. Januar (10. Februar) "Hzl. Reskript, der Obervogt zu Brackenheim, Schafelitzky, werde zur Abwendung der Schloßattacke nach Bayern abgeordnet (Dr. Wurmbser, Erhardt Wildt)." (Senatsprotokolle UAT)

Montag, 01. (11.) Februar Ankunft von Obrist Fuchs* aus Stuttgart zur Befreiung der Universität von der Kriegsgefahr; "Dr. Schmid, Generalmajor Schönbeckh" (Senatsprotokolle UAT)

* Ein Obrist Fuchs übernimmt am 27. November 1648 - nach der Rückgabe des Hohentübingen an den Herzog von Württemberg infolge des Friedensbeschlusses von Münster und Osnabrück - die Kommandantur der Festung (s. Anmerkungen Nr. 106).

Mittwoch, 03. (13.) Februar Bericht von Dr. Wurmbser über seine Verhandlungen in Stuttgart mit Obrist Schafelitzky wegen dessen Reise nach Bayern (Senatsprotokolle UAT)

Mittwoch, 10. (20.) Februar Gegen zehn Uhr vormittags erscheinen französische Reiter auf den Anhöhen um die Stadt. An die 200 Mann streifen über den Galgenberg das Burgholz zur Lustnauer Neckarbrücke hinunter und auf der anderen Seite „in die Weinberg im Fehrenberg“, bevor sie nach eineinhalb Stunden wieder abrücken. Erneut schickt man aus Tübingen eine Abordnung unter die weichenden Franzosen und erfährt dabei, dass am nächsten Tag sieben Regimenter „zu Pferdt und Fueß“ unter Generalleutnant [13] d'Hoquincourt* („d'occencourt“)* vor der Stadt aufmarschieren würden [14]. Der auf seinem Hof in Tübingen weilende Prälat von Bebenhausen schickt noch am gleichen Nachmittag einen Ochsen und ein Kalb „zur VerEhrung“ an die Regimentsoffiziere und erlangt dadurch Sonderschonung („Special Salva Quardi“) der geistlichen Güter und ihrer Besitzer.

* Am 12. Oktober 1634 marschierten französischen Truppen im schwedisch-weimarisch besetzten Schlettstadt ein. Während der Besatzungszeit fiel besonders der Graf (Marquis?) d'Hoquincourt durch unerhörte Grausamkeiten auf. Vierzehn Jahre später wurde die Besitznahme durch den Vertrag von Münster feierlich besiegelt. (Quelle: www.encyclopaedia-germanica.org/de/index.php/Schlettstadt)

Während der Nacht bleibt es weitgehend ruhig; die Franzosen, die in den „Anliegenden Dorffschaften“ wie Dußlingen und Nehren lagern, lassen nur wenige Wachfeuer sehen.

Donnerstag, 11. (21.) Februar Am frühen Morgen, gleich nach dem Aufbruch der Franzosen, kommt es „Wegen Unausgelöschter Wachtfeürer“ zu einem Brand in Nehren, der von „aus Tübingen geloffenen“ Bauern [15] jedoch gelöscht werden kann.

Nach acht Uhr befinden sich Generalleutnant Graf d’Hoquincourt, Generalmajor du Tod und die Obristen Klug [16], Schütz, Rauhaupt und R'cancourt mit vier Regimentern zu Pferd und vier weiteren zu Fuß [17] „darunter doch das Schmidtbergische, und Buwinghaußische, deren Herrn Obriste für dißmalen nicht zugegen gewesen“ [18] auf ihrem Weg das Steinlachtal hinab. An Geschützen führen die Franzosen vier Kartaunen [19] mit sich, weiterhin ihre Munitions- und Trosswagen in der „Bagage“.

Die Truppen („Völckher“) bewegen sich an Tübingen vorbei in Richtung von Lustnau, Pfrondorf und dem Bebenhäuser Tal. Zuvor erkundigt („exmaniniert“) ein Unterhändler nochmals eine mögliche kampflose Übergabe von Schloss und Stadt, wird aber von ihrer Verteidigungsbereitschaft überzeugt („Resolvirt“). Im Weiterziehen der Franzosen gelingt es dann einem bayerischen Offizier, zwei zurückbleibende Trossweiber „deeren Einer der Gurt zerbrochen“ mit ihren Kindern gefangen zu nehmen sowie drei Pferde zu erbeuten. Die Frauen werden ausgezogen („spoliert“) und mit den Kindern zurückgeschickt. Derweil sperren Hoquincourts Söldner alle Zufahrtswege hinter sich mit „fassinen“ [20] und flechten Schanzkörbe [21] für den Stellungsbau.

Nachmittags gegen drei Uhr schwärmen die ersten Feinde unmittelbar vor den Tübinger Mauern, „in den fürstl. tummel und die anligende Gärtten“ [22], woraufhin Kommandant Pürck das „Lustnauer, Schmidt und Haagthor“ mit seinen Musketieren besetzt. Der Versuch der Bayern, den Feind mit Gewehrfeuer zurückzutreiben, schlägt fehl und „erbittert Hr. General Lieutenant nur über die Statt“. Aus diesem Grund begeben sich der Fürstlich Württembergische Obervogt von Tübingen, „Herr von Croneckh“, und andere Repräsentanten von Stadtrat und Universität auf das Schloss. Sie versichern Hauptmann Pürck, die Franzosen seien schon dabei, ihre Geschütze aufzufahren, um „die Stattmauern zu brechen und die Stürmende hand walten zu laßen“ [23]. Den Vertretern der Zivilbevölkerung weisen den „Commendanten“ darauf hin, dass die Stadt unmöglich zu verteidigen („defendirn“) sei. Sie bitten Pürck daher, ihnen die Schlüssel zu den Stadttoren auszuhändigen [24], seine Männer auf die Burg zurückzuziehen („salviren“) und die Zugbrücke [25] einzuholen.

Pürck gibt nach [26] und nachdem sich die Bayern auf dem Hohentübingen eingeschlossen haben, werden dem französischen Befehlshaber die Schlüssel zu den Tübinger Toren überbracht. Hoquincourt, nun Herr der Stadt, lässt zunächst das Lustnauer Tor von 40 Musketieren besetzen und verpflichtet noch an diesem Tag eine Anzahl von Bauern zur Zwangsarbeit. In der Nacht gelangen die französischen Kanonen über den Stadtzwinger nach dem Haagtor und weiter zu der dort liegenden Mühle [27].

Freitag, 12. (22.) Februar In der Nacht zum 13. werfen die Bauern unter scharfer Aufsicht („in streichen streng“) hinter besagter Mühle eine Schanze für die „Batterie“ der Franzosen auf. Einer der Zwangsarbeiter wird dabei „von dem Schloß herabgeschoßen“, ein anderer von einem französischen Offizier („CapiteinLieutenant“) zusammengeschlagen, „Als er nur ein wenig ruhen wollte“.

Samstag, 13. (23.) Februar Bis drei Uhr nachmittags haben die französischen Geschütz-Unteroffiziere („Constabler“) ihre Stellung bezogen. Die Belagerung („blocquada“) von Hohentübingen beginnt [28]. Zunächst können die Franzosen eine Bresche („Preß“) in die Zwingermauer schießen, ohne allerdings weiter voranzukommen, denn die Innenseite der Mauer, „obzwar (...) zimblich dünn und bald durchbrochen geweßen“, wurde zuvor von der Besatzung bis auf halbe Höhe „mit einem Füllwerckh Von Fassinen und Grund“ versehen [29].

An diesem Tag werden 33 Kanonenkugeln auf den Hohentübingen abgefeuert, wobei allerdings nur wenig Schaden entsteht [30]: ein Schildhaus mitsamt Wachglocke wird „weckgeschoßen“. Vom Schloss herab wird die Kanonade erwidert und ein gegnerisches „Stuckh“ zerstört, bald darauf fällt noch ein weiteres französisches Geschütz aus.

Als es dunkelt, beginnen die Franzosen damit, unweit ihrer Batterie einen Laufgraben auszuheben und sich dem Schlossberg zu nähern („Aprochiren“) [31]. Aus Furcht vor Gewehrfeuer und Granaten legen Hoquincourts Männer den Graben jedoch hastig und zu flach („seych“) an. Nachdem die Kriegsknechte der Schlossbesatzung „nach Auswerffung etl. brennender Bechfäßlen“ [32] im Feuerschein erkannt haben, dass die gegnerische „Brustwehr“ nur geringen Schutz bietet, pirscht sich ein bayerischer „FeldtWaibel mit etl. Musquetirern“ in die am Schlossberg vorgelagerten „Pallisaden“ [33] und nimmt von einem „Rundeel“ aus den Feind unter Beschuss. Die Franzosen erleiden schwere Verluste: „über die 30 Mann für dißmahlen erschoßen und gequetscht.“ [34]

Sonntag, 14. (24.) Februar Die zuvor angefangene Bresche im Burgzwinger wird durch gelegentliches Geschützfeuer erweitert und vertieft [35]. Am Nachmittag dann erhalten die Franzosen Verstärkung: 500 Reiter und drei Kompanien Fußvolk nebst zwei Halbkartaunen rücken von „Jeßingen“ an. Die Kanonen werden am Lustnauer Tor abgeprotzt, die Schützen in die Stadt verlegt, und die übrigen Soldaten auf die umliegenden Ortschaften verteilt.

Ein „Trommenschlager“ („Tambour“) wird vom französischen Befehlshaber als Unterhändler auf das Schloss geschickt, um den bayerischen Kommandanten zu fragen „weßen er gesinnet“. Pürck antwortet vollmundig: ergeben wolle man sich keinesfalls, die Besatzung sei entschlossen, zu leben und zu sterben „wie es rechtschaffenen Soldaten gebühre“. Über die folgende Nacht wird das Schloss von außerhalb der Stadt mit Kanonen beschossen; zudem findet ein heftiges Feuergefecht („abscheüliches Schießen“) zwischen den in die Häuser der Neckarhalde abkommandierten französischen Musketieren und den bayerischen Schützen auf der Burg statt. Einem anführenden Offizier („General Adjutant“) der Franzosen wird hierbei eine „Vergifften Kugel gefährlich durch die Hand geschoßen“.

Montag, 15. (25.) Februar Am Morgen ist überall in der Stadt zu vernehmen, dass es in der Nacht einen neuerlichen Ausfall vom Schloss auf den Laufgraben gegeben habe, und dabei 34 Franzosen „zu Schanden gemacht“ worden seien. Später bewahrheitet („verfificirt“) sich das Gerücht, als sich viele Verwundete bei den „feldtschärer“ einfinden, „etl. aber der Erden heimbgegeben worden.“

Man erfährt dann, das französische Mineure im Burgweingarten (s. Abbildung 1), zwischen Neckarhalde und Schloss, ein großes Loch „in ein Mäürlin“ [36] gebrochen haben und „den Ganzen Tag über den Grund mit Schauflen herausgeworfen“ [37]. Die solcherart begonnene Mine der Franzosen zielt auf die beiden voreinander gelagerten südöstlichen Rundtürme des Hohentübingen [38].

Als die Schlossbesatzung diese neue Bedrohung gewahrt, werden Granaten und große Steine in die Halde geschleudert. Bayerische Posten halten „vleißige wacht“ und schießen - „so man Jemanden (..) verspirt“ - aus Arkebusen und Musketen. Auch befiehlt Pürck, von den Untergeschossen der beiden gefährdeten Türme aus Gegenminen anzulegen. Nach Anbruch der Dunkelheit schleichen bayerische Kriegsknechte „in den Rundeelen und Pastionen hin und her“, und werden demzufolge von den Franzosen unter Beschuss genommen. Vom Hohentübingen antwortet man mit einer Kanone und „Doppelhackhen“. Den in ihrem Laufgraben liegenden französischen Söldnern sollen in dieser Nacht über 100 Granaten entgegen geschleudert worden sein, und es kommt zu Verlusten unter ihnen [39].

Während die Franzosen im Norden der Burg solcherart abgelenkt sind, seilen sich „um halb 12. Uhr“ drei „Verwegene Kerls“ aus den Schlossfenstern zur Neckarhalde hinab und gelangen über eine Weinbergsteige („Stäffelin“) zur ehemaligen Tübinger Münze [40], wo sie versuchen, das Gebäude durch mitgebrachte Brandsätze („feurwerckh“) zu entzünden. Wohl aus Mangel an geeignetem Material „so gern gebronnen hette“ kommt das Feuer in der „Müntz“ jedoch nicht recht in Gang, während die französische Seite schon auf die Brandstifter aufmerksam wird. Als diese sich dann dem gegnerischen Minenstollen nähern, werden sie mit „Plötzlichen Schüeßen (ehe Sie zu der Mina Eingang kommen) empfangen“. Knapp entgehen die drei bayerischen Knechte den Kugeln, stürmen die Staffel hinauf zu ihren Seilen und werden eiligst, „gleichsam ob Sie Flügel bekommen“, wieder ins Schloss emporgezogen. Die Berichte belassen die Tapferen unversehrt [41].

In der Folge dieses missglückten Anschlags werfen die Besatzer lodernde Pechkränze in den Weingarten oberhalb der Neckarhalde und zwei Granaten „in Hrn. Neüffers hauß, und die frst. Wttbg. Münz“, wobei unter anderem die „treffl. Bibliothek“ des Dr. Lansius in Gefahr gerät.

Dienstag, 16. (26.) Februar Französische „Cavallerie“, bisher in Lustnau, Pfrondorf und Bebenhausen stationiert, überquert an diesem Tag den Neckar und zieht auf Derendingen, Weilheim („Weyl“), Kilchberg („Kilperg“) sowie „Rothtenburg“. Die Stadt Rottenburg allein muss zwei volle Regimenter aufnehmen und zwar aufgrund eines Vorfalls, der sich dort schon „3. Nacht hierVor“ abgespielt hat: die Bürger des „Stätlin“, obgleich mit einem Schutzbrief der Franzosen und einer kleinen Besatzung von „6. Lebendige franz. Reütter“ versehen, haben heimlich fast 80 bayerische Musketiere in ihre Mauern geholt, „Willens, selbige durch Verborgenen Paß [42] in das Schloß hohen Tübingen zu bringen“. Ein Rottenburger Bürger führt die bayerische Verstärkung schon in Richtung von Unterjesingen („Jeßing“), als der Plan durch die plötzliche Attacke „einer franz. Parthey“ scheitert. Wer von den Bayern nicht fliehen kann, wird niedergemacht, „der Führer aber als Hochmeritirter Crucis Candidatus [43] seiner erhöhung vorbehalten“ [44].

Inzwischen gehen in Tübingen die Feuergefechte zwischen Belagerern und Belagerten weiter. Ein erst kurz zuvor angekommener französischer Offizier („General Adjutant“), der im Auftrag des Feldmarschalls Turenne die Geschützbatterie und den Laufgraben inspiziert, wird „auf dem Ruckhweeg mit einer Trahtkugel erschoßen [45]. Die nacht hindurch, hat mit Schießen kein Theil dem andern waß bevor geben wollen.“

Mittwoch, 17. (27.) Februar Auch heute werfen die „Schloßbeschüzere“ wieder Handgranaten und „Bechring“ in die Neckarhalde hinab [46]. Ein Brandsatz fällt durch die oberste Ladentür auf den Dachboden „eines Büxenschiffters Behaußung in der Neccarhalde“ [47], entzündet dort herumliegende Hobelspäne und verursacht „nachMittag umb halb 2. Uhren ein Gefährliche und erbärmliche Brunst“. Herbeieilende Bürger und Bauern werden vom Schloss aus „mit graußamem Schießen und herabwerfung 6. Biß 8. Pfündiger Steinen“ am Löschen gehindert. Unverdrossen kämpfen jedoch die Bürgerwehren und die Männer der „in Tübing geflohene AmtsBaurschaft“ gegen „dreyen Feind, feyer, Schießen und werfen“. Gegen 11 Uhr nachts gelingt es ihnen, den Brand einzudämmen.

Zwei Stunden später begeben sich drei französische Söldner zur Brandstätte, um sich für ihr Wachfeuer „bey des frstl. Stipendij [48] hinderer Gangthüren“ etwas Brennholz zu besorgen. Eine brennend vom Schloss „ausgehenckthe BechPfanne“ und ihr eigenes Weglicht machen die Franzosen zum leichten Ziel für die bayerischen Schützen und so tragen sie statt des Holzes einen Verletzten davon [49].

Donnerstag, 18. (28.) Februar Der zwei Tage zuvor bei der Haagtormühle erschossene „General Adjudant“ wird zu Grab getragen, bei zweimaligem Glockengeläut. Die „Leüchen-Procession“ ist allerdings kläglich, da „die auf dem Schloß“ ihr freies Schussfeld („flanckh“) auf den Kirchhof nutzen, um den Trauerzug mit Gewehrfeuer zu belegen. Indessen sind die Franzosen mit ihrem Laufgraben bis an die Vorwerke des Hohentübingen gelangt [50].

Freitag, 19. Februar (01. März) und Samstag, 20. Februar (02. März) „ist nichts sonderlichs verrichtet worden.“

Sonntag, 21. Februar (03. März) Die Söldner des katholischen Kurfürsten von Bayern feiern „Faßnacht“, mit „Jauchzen, Trommen und Pfeiffen“ - und unter einmaligem Abfeuern eines Mörsers [51]. Die 60pfündige Steinkugel verfehlt das Tübinger Rathaus nur knapp. Ansonsten wird an diesem Tag vom Schloss kaum geschossen, „vieleichten weil die getrunckhene Augen kein Feind mehr ersehen können.“

Montag, 22. Februar (04. März) (Faschingsmontag) Den Tag über nimmt die Schlossbesatzung aufs Korn, was sich blicken lässt. Etliche Tübinger Bürger sterben durch bayerische Scharfschützen, darunter „ein Beckh, so nur zum Fenster hinausgeschauet“ und eine „allte“ Frau von 50 Jahren, die ahnungslos hinter ihrem Ofen sitzt. Andere Bürger und „auch Bauersleüth“ werden angeschossen, und weil anscheinend die bayerischen Schützen immer wieder „gemeiniglich“ präparierte Munition [52] verwenden, führen auch Streifschüsse zu schweren Verletzungen.

Anhörung der Universitätsverwandten über mögl. Abgaben an die Stadt wg. des Soldatenunterhalts (Dr. Wurmbser, Notar) (Senatsprotokolle UAT)

Dienstag, 23. Februar (05. März)(Fachingsdienstag) Ein Spion wird von den Männern Hoquincourts festgenommen, ein „Papistischer BierbrauersKnecht“, der alles, was er an Gerüchten über die Franzosen „aufgefischt“ oder selbst in Erfahrung gebracht, den Belagerten zugetragen haben soll [53]. Er wird „bey der Brodtlauben [54] mit 2 Corporal-schafften“ zur Strafe aufrecht an einen Balken geschnürt. Während des ganzen Tages bringen französische Söldner „viel lange laitern“ zusammen und schneiden diese auf 10 oder 11 Sprossen zurecht. Da die Menge an Steighilfen nicht ausreicht, müssen die „Wägner“ der Stadt noch weitere anfertigen. Schließlich versehen Schmiede noch die Enden aller Leiterholmen mit eisernen „Spizen“.

Vom Nachmittag an „Biß in die finstere Nacht hinein banquetiert“ Hoquincourt mit seinen Offizieren im Tübinger Rathaus. Man macht es sich „gar lustig“ und die Trompeten und „heerPauckhen“ der Franzosen sind sicher auch auf dem Schloss zu vernehmen, dennoch wird diese Feier nicht durch Steinschläge oder Brandbomben („feüerkugeln“) [55] gestört.

Mittwoch, 24. Februar (06. März) (Aschermittwoch) Seit Tagesbeginn schießt die Schlossbesatzung wieder wahllos auf Zivilisten und gegnerische Soldaten. Einem Bauern aus Ofterdingen wird das Schienbein zerschmettert, ein anderer aus Pfrondorf, „so sein Rößlin ob dem Spithal-Brunnen getränckht, zu dem linken Ohr hinein erschoßen.“

Freitag, 26. Februar (08. März) Vom „15ten biß auf heütigen 26ten“ haben die Franzosen das Schloss kaum unter Feuer genommen. Nur die in die Neckarhalde „Commendirte Musquetirer“ verwehren den Bayern „das flanckhiren um etwas“.

Nach dem Bericht Schweigkels haben sich die bayerischen Mineure bis (spätestens) zu diesem Zeitpunkt mit ihren Gegenminen „zwei Pickhen tief“ unter den Fundamenten der bedrohten Türme hindurch gegraben. Im Verlauf ihrer Arbeit kommen sich die Gegner unter der Erde so nahe, das sie einander hören können, daraufhin ändern die Franzosen die Richtung ihres Stollens, „wohin aber“ - so Schweigkel für die Besatzung - „wir nit haben wissen noch erfahren köhnden.“

Samstag, 27. Februar (09. März) Etliche Bauern werden zum Neckartor hinaus auf die „Gännswaaßen“ [56] geführt, wo sie den ganzen Tag über „Waßen [57] ausgehauen, um die Mina damit zu verstoppen;“ andere Bauern müssen Schanzkörbe flechten und sie zur Neckarbrücke „walzen“.

Nachmittags dann künden dicke Rauchwolken von einem Feuer in Dußlingen. Die „selbiges fleckhen Baurschaft“ wird zur Brandbekämpfung ausgeschickt, bis sie das Dorf aber erreicht, „seind schon in die 15 Vörst in der Aschen gelegen“. Die Dorfbewohner sagen nach ihrer Rückkehr aus, dass die in Dußlingen von den Franzosen unterhaltenen Wachfeuer „fleißig ausgelöscht worden (seyen)“. Auch wäre der Brand an unterschiedlichen Stellen im Dorf ausgebrochen, und zwar nur solchen, wo es gar keine französischen Wachfeuer gegeben hätte. Die allgemeine Mutmaßung geht daher auf Brandstiftung „(wie doch auch etliche Solldaten vermeint)“.

Sonntag, 28. Februar (10. März) Die „aus gegrabene Wääsen“ werden zwischen der Ringmauer und den Häusern der Neckarhalde hindurch in die Nähe der Mine „geführet“ und im Schutz der Dunkelheit dann vollends zur Mine geschafft. Nachdem dies auf der Burg bald bemerkt wird, kommt es zu einem heftigen Schusswechsel; „unter welchem 4 franz. Musquetirer gar übel gequetscht worden sein.“



Anmerkungen

  1. Quellen
    • Bericht des bayerischen Kriegskommissars Gottfried Schweigkel an seinen Vorgesetzten, den Kriegsrat und Generalkommissar Johann Bartholomäus Schäffer zu Ulm (veröffentlicht durch Bibliothekar W. Göz [1931] in: „Tübinger Blätter“ [22. Jahrgang, S. 37-43])
    • „Gründ- und Ausführlichen Relation deßen, was sich zwischen der Vöstung Tübingen Belägerung, und Uebergaab, (...), verloffen, und zugetragen.“ (veröffentlicht durch Eifert & Klüpfel [1849] in: „Geschichte und Beschreibung der Stadt und Universität Tübingen.“ [Anhang, S. 319-332]; Tübingen, Verlag Fues)
    • Extrablatt Nr. 42 einer französischen Zeitung (= Quartblättchen) vom 18. April 1647 („N. N. 42. Extraordinaire du 18. Avril 1647, LXV, 126, 4°") mit dem Titel „Die Einnahme der Stadt und des Schlosses Tübingen durch den Herrn d'Hoquincour [Hocquincourt], Generallieutnant der Armee des Königs, unter dem Oberbefehl des Marschalls von Turenne.“ (veröffentlicht in: „Tübinger Blätter“ [4 / 1899, S. 44-48] sowie „Reutlinger Geschichtsblätter“ [8 / 1897, Nr. 4, S. 51ff]; Übersetzung nach Dr. Geiger)
    Kriegskommissar Schweigkel verfasste den Bericht über die folgende Belagerung, nachdem er als Angehöriger der bayerischen Besatzung von Hohentübingen unmittelbar Zeuge derselben geworden war. Die Relation stammt von einem unbekannten Verfasser (wahrscheinl. Prof. Johann Martin Rauscher [1592-1655], Rektor der Universität Tübingen), welcher die Vorgänge im einzelnen aus der Stadt mitverfolgte. Das Extrablatt der französischen Zeitung schildert den Konflikt aus Sicht der Angreifer.