Biographie Herbert Rösler

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Herbert Rösler ist 1924 in Stuttgart-West geboren.Sein Vater war Ostpreuße,seine Mutter Fränkin,und wie das Leben so spielt,trafen sich beide im Süden.Herbert war das jüngste von drei Kindern.Sein Vater war gelernter Förster,tätigte aber,wie es damals so üblich war, viele verschiedene Arbeiten als Klavierträger,Hausmeister,aber auch als Beleuchter am Theater und Logenschließer.

Herbert war als Kind so artistisch,daß er bald den Spitznamen „Gummi“ hatte und fast von einer Zirkustruppe engagiert worden wäre,hätten Mama und Papa keinen Einspruch erhoben.Herberts Lieblingsbeschäftigung war nicht die Schule,sondern um die Häuser- blocks mit der Stoppuhr rennen,die Autogrammkiste des Vaters durchstöbern oder auf dem Flachdach des mehrstöckigen Wohn- hauses zum Entsetzen der Nachbarn artistische Übungen durchzu- führen.Nach der Hauptschule begann er eine Lehre als technischer Kaufmann.Voller Stolz durfte er im Schaufenster einen der ersten Zehnplattenspieler unter Bewunderung der Straßenpassanten be- dienen.

Als der Krieg begann,schlug das junge Männerherz auch für Deutschland,und er zog mit 18 Jahren freiwillig als Panzersoldat Richtung Afrika.In Neapel machte die Truppe Halt.In der Nacht wurde ein Anschlag auf die vollmunitionierten Lastwagen gemacht. Befehle rissen die Soldaten aus dem Schlaf.Alle „Gehorsamen“ rann- ten,um die Lastwagen zu löschen.Auch Herbert wollte,wäre da kein Kamerad gewesen,der ihn immer wieder daran hinderte,nach vorne zu laufen,bis die Lastwagen explodierten und alle Soldaten zer- rissen,die ja gehorsam sein wollten.Ein Mann,der Karten legte und eine Antenne für die unsichtbare Welt hatte,rettete Herbert das Leben,aber dieses Leben sah anders aus als vorher.Keine Aben- teuerreise mehr,denn wer in so jungen Jahren so viele zerfetzte Körper gesehen hat,bei dem hat das Abenteuertum aufgehört oder er muß Freude am Bösen haben.

In Afrika angekommen,kämpften junge Männer einen sinnlosen Kampf für ihre Heimat.Schwer verwundet kam Herbert als Gefan- gener nach Amerika.Dort wieder langsam genesen,arbeitete er als Baumwollpflücker und Holzfäller im Urwald,und in der freien Zeit entstanden die ersten Zeichnungen.Besonders die Augen des Men- schen faszinierten ihn.Nach Kriegsende sollten die Soldaten angeblich nach Deutschland gebracht werden,mußten aber bald merken,dass sie nicht zu Hause,sondern in einem Land waren,dass ihnen ganz und gar nicht gut gesonnen war – Frankreich.Monate im Hungerlager schwächten die Männer so,dass viele starben.Herbert fasste den Ent- schluß zu fliehen,und er führte ihn auch durch.Er orientierte sich am Moos,versteckte sich tagsüber,und nachts floh er Richtung Heimat, und es gelang ihm wirklich.

In Differten an der Saar erreichte er Deutschland.Hochgradig was- sersüchtig und in Sträflingskleidern mit PG dekoriert sah ihn eine alte Frau,die entsetzt rief:“Kommen sie rein!“Sie gab Herbert Kleider ihres verstorbenen Mannes und RM 20,--,mit denen er sich bis Ludwigshafen zu einem Cousin durchschlug.Da er als vermisst galt,und seine Eltern in Stuttgart in der amerikanischen Zone wohn-, ten,war es für ihn nicht so leicht,nach Hause zu gehen,denn er war ja geflohen.Er suchte in den Trümmern Stuttgarts in der Rotebühl- straße nach dem Wohnhaus seiner Eltern und der Handschuhfabrik, wo Herberts Vater Hausmeister war.Aber auch diese Gebäude gab es nicht mehr.Es waren nur noch Trümmer.Auf dem Gelände war ein Schild an einer Stange befestigt mit der neuen Adresse außerhalb Stuttgarts.Seine Eltern lebten also noch.Nach glücklichem Wieder- sehen – denn die Eltern hatten ja auch mit seinem Tod rechnen müssen – lebte Herbert unter falschem Namen,wie man damals so lebte:Schwarzhandel,Gelegenheitsarbeiten,Tauschgeschäfte usw.

Nach der Entnazifizierung,die bei Herbert nur eine Äußerlichkeit war,denn er war lange kuriert und mittlerweile zum totalen Pazi- fisten geworden,wurde er einer der ersten Weltbürger – eine Bewe- gung,die damals aus dem Hass gegen jeden Krieg und Rassenwahn entstand.Es gab sogar Weltbürgerausweise. - Naheliegend wäre ge- wesen,daß Herbert nun an seinem gelernten Beruf als technischer Kaufmann angeknüpft hätte,denn auch seine frühere Chefin hätte ihn gerne genommen.Aber das Schicksal wollte einen anderen Weg für ihn.Ungelernt konnte er mit Pinsel Werbeslogans schreiben zum Beispiel für Catbury-Schokolade,Liberty-Zigaretten,für die ersten italienischen Eissorten,die nach Deutschland kamen,und so verdien- te er sich mit dieser Tätigkeit sein erstes reelles Geld nach dem Krieg.Dann kam Plakatmalerei für Kinogroßflächenwerbung - Dekorateur bei einer amerikanischen Einkaufskette (American Post Exchange). - Er gründete mit einem Freund eine eigene Werbe- organisation,setzte sich aber dann wieder ab,weil die Polydor auf ihn aufmerksam wurde und ihn als Dekorateur einstellte. - Wieder abgeworben von der Electrola (heute EMI) wurde er bald zum Chefdekorateur über ganz Deutschland gesetzt und mußte deshalb nach Köln umziehen.Das war so ungefähr um 1960.

Neben diesem beruflichen Leben gab es natürlich auch den Men- schen Herbert,der nach den Wahnsinnskriegsjahren leben wollte. So gab es viele Partys und menschliche Vergnügungen,mit denen man auch das Grauen vergessen wollte,und so begegnete er 1948 beimTanz auf einem kleinen Dorf in der Nähe von Bad Mergent- heim Ischabell Nadler,einer hübschen jungen Frau,die aus dem Su- detengau vertrieben worden war.Sie heirateten 1951,und 1955 be- kamen sie ein Töchterchen und 1957 einen Sohn. - Herbert hatte ja eine gute Stellung bei der Electrola,und so ging es der Familie auch für die damalige Zeit sehr gut.Sie hatten ein Einfamilienhaus in Köln-Ostheim gemietet,und das Leben ging so seinen Lauf.

Herbert war aber nie der typische Familienvater.So baute er zum Beispiel zum Entsetzen der kleinen Tochter keinen Schneemann mit Kohlenaugen und Karottennase,sondern baute mit seiner Frau Ischabell eine vollbusige Riesendame. - In Herbert Röslers Seele war einfach nicht alles so „normal“ und ruhig,wie man es vielleicht hätte denken können.Er machte sich viele Gedanken über das Leben und das 'ich bin'.Es muß doch etwas Endgültiges geben,war zum Beispiel eine seiner Seelenfragen.Er beschäftigte sich mit Farblehre,dem Einfluss von Steinen und Metallen auf den Men- schen,Chiromantie,sammelte Fingerabdrücke von Kindern bis zum Massenmörder,sammelte Handschriften,hörte Musik konkret und viele ungewöhnliche Dinge bewegten sein Herz.Er entwarf neue Friedhofsmodelle,Fußgängerbrücken,Altersheime – es ging um eine bessere Welt.Bin ich meines Glückes Schmied,war eine der markanten Fragen seiner Seele.Er glaubte an „Etwas“,aber durch sein tiefgründiges Denken kamen alle Religionen und besonders die christliche nicht gut ab.Durch eine Familienfeier musste er einmal in einen Gottesdienst,bei dem er von hinten in den Kirchen- raum rief:“Maria weint und Buddha lächelt.“Er war Karikaturist, aber auch sich selbst gegenüber war er total kritisch.

Ungefähr 1964 warb ihn ein Bekannter von der Electrola ab,kaufte eine Bonbonfabrik in Köln,ließ diese als Großraumstudio umbauen, und Herbert Rösler übernahm die Geschäftsführung dieses Studios. Zwei Fotografen halfen,und so begann die Arbeit eines Großraum- studios.Innerhalb eines Jahres lief das Unternehmen so gut,dass sich alles amortisiert hatte.Denn wenn Herbert Rösler sich gab,dann gab er sich ganz.Herbert und sein Team fotografierten alles,was kam: Fotomodelle,Möbel,Suppen,Stars – eben alles,was fotografiert wer- den will,um bekannt zu werden.

Der Besuch auf einem Rummelplatz mit seiner Nichte sollte Herberts Leben wieder auf eine andere Spur bringen.Er fuhr mit dem Kind in einer Art Käfig,der sich in allen Himmelsrichtungen bewegte.Er erlitt einen Gehirnschlag und war unfähig,sich zu bewegen.Man brachte ihn in eine Spezialklinik.Es sah so schlimm aus für Herbert,der da- mals ungefähr 41 Jahre war,dass sein Kompagnon nicht mehr an seine Genesung glaubte,die angestellten Fotografen entließ und das Großraumstudio an die Westdeutsche Werbeagentur verkaufte. - An viele Apparate angeschlossen gab Herbert Rösler aber die Hoff- nung nicht auf.Ein Professor,der Augendiagnostik praktizierte, prophezeite ihm auch,dass alles gut wird.Herbert arbeitete innerlich immer an sich - einfach aufzustehen - und an einem Tag schaffte er es auch - durch sein positives Denken oder Glauben – wie auch immer – er ging zum Fenster.Keiner glaubte ihm,aber er war ge- gangen,und langsam Stück für Stück kam er wieder auf die Beine. Aber die Welt außerhalb der Klinik war eine andere geworden.

Seinen Arbeitsplatz gab es nicht mehr.Eine Frau und zwei Kinder waren da,die er versorgen musste,und so ging er auf seinen noch schwachen Beinen bei Firmen „Klingel putzen“.Er bot seine Fähig- keiten an,und nach einiger Zeit bekam er sehr gute Werbeaufträge. Seine Kunden waren die Gothaer Feuerversicherung,der Gerling-Konzern,die Stadt Köln,die Sparkasse,Parfümeriehersteller,der Zoo usw.Er machte auch den Umbruch für die Ärztezeitung und das alles autodidaktisch.Sein Körper hatte sich erholt,außer dass ein Gleich- gewichtsorgan ausgefallen war.In dieser Zeit verdiente Herbert Rös- ler so gut,dass er viel freie Zeit zum Denken hatte.Meistens arbeitete er nur sonntags.Er machte damals mit seiner Frau Ischabell eine Reise nach Marokko,denn wenn andere sparten,gab Herbert aus. Wenn andere ein Auto fuhren,nahm er die Straßenbahn,wenn andere kurze Haare trugen,hatte er lange oder umgekehrt.Er hatte eine unterbewusste Angst,mit der Masse weggeschwemmt zu werden.So besaß er auch keinen Fernseher,als die meisten Menschen sich von dieser „großen Errungenschaft“ einfangen ließen.

Seine Überlegungen über den Sinn des Lebens wurden immer inten- siver.Er begann autogenes Training zu praktizieren und machte auch transzendentale Meditation mit Maharishi,der damals in den 68er Jahren sehr bekannt war – unter anderem war er auch der Guru der Beatles.Das Seelenleben Herberts wurde immer mehr strapaziert. Ohne Schlaftabletten konnte er gar nicht schlafen.Obwohl er täglich seine geistigen Übungen machte und im Berufsleben alles bestens war,fand seine Seele keine Ruhe.Die ganze Familie praktizierte tran- szendentale Meditation und jeder hatte sein Mantra – eine Wort- schwingung,mit der man die unnötigen Gedanken abtöten kann. Plötzlich kam Herbert auf die Idee,anstatt des Mantras „Unser Vater in dem Himmel“ im Geist zu sprechen.

Es war im September 1968. - Herbert fuhr „gedankenverloren“ mit der Straßenbahn in den Königsforst,ein großes Waldgebiet am Rande Kölns.Dort warf er sich auf den Boden und mußte bitterlich weinen über sein Leben.Vom Regen und seinen Tränen durchnässt fuhr er in sein Haus in Köln-Ostheim zurück.Dort legte er sich ins Bett,und in der Nacht vom 18.zum 19.September geschah etwas,was sein Leben in eine ganz neue Bahn lenken sollte.Er hörte eine unbe- schreiblich laute Stimme,sah den Himmel offen mit Riesenbuch- staben – darin stehend: Unser Vater in dem Himmel.Er schlief ein wie ein Toter,und am nächsten Morgen waren alle Fragen beantwor- tet.Er wusste,dass Jesus Gottes Sohn ist,war ein neuer Mensch,der die Welt und unser Leben mit ganz anderen Augen sah.Auf einmal hatte alles Sinn.Er liebte Jesus von Nazareth – den Mann,der die Welt vor zirka 2000 Jahren auf den Kopf gestellt hat wie sonst niemand.Er hatte sich ihm offenbart,ohne dass ein Mensch ihm etwas gesagt hatte.

Ischabell Rösler ging immer mit Herbert.Neben anderen hatte er auch mit ihr die vielen tiefgründigen Gespräche geführt.Nun war ihr Mann ein anderer,aber auch in ihrem Leben,unabhängig von ihm,auf ihr Wesen abgestimmt,gab es einen Tag,wo alles neu wurde. Auch sie erkannte die Liebe,die ihr kein Mensch geben konnte,auch nicht ihr Mann.Nun waren da zwei Menschen – ein Grundstock für ein gigantisches Werk.Herbert konnte nicht still sein.Sein Erlebnis war so überwältigend für ihn,daß er es allen erzählte – Freunden, Geschäftspartnern,Verwandten,Menschen auf der Straße – einfach allen denen er begegnete.Er war glücklich geworden und wusste warum er lebt . . . . . . . . . .

„Ich bin für Zeit und Ewigkeit gemacht,in aller Liebe nach Gottes Ebenbild,am Ende vollendet und vollbracht.“ H.R.

1968 war ja vom geistigen Zustand dieser Welt ein sehr bewegtes Jahr,und es gab viele,die mehr wollten als essen,trinken,heiraten, Kinder bekommen,Rentner werden und sterben – und so fielen Herberts Reden bei vielen auf einen guten Boden.Er wusste nichts außer dem,was Gott ihm eingab und das funktionierte wunderbar. Junge suchende Menschen brachen zusammen vor Gott,weil ihnen ihr Leben leid tat.Sie spürten,dass sie der Liebe und damit Gott sehr oft weh getan hatten,aber Gott ist wunderbar und vergibt.Dafür kam Jesus und wer ihn liebt,dem wird er alles vergeben.

In dieser Zeit entstand die Gruppe 91.Außer Herbert,er war damals 44 Jahre,waren die meisten von uns suchende Jugendliche.So hat jeder von uns seine Geschichte,wie er Herbert kennenlernte und durch seine Rede wusste,was er zu tun hat,um auch in Verbindung mit Gott zu kommen.Es wäre zuviel,wenn man auch noch die Ge- schichte jedes einzelnen von uns erzählen würde,aber wir sind aus allen Himmelsrichtungen Deutschlands,wie Berlin,Dortmund,Bre- men,Köln,Stuttgart,Tschechoslowakei usw.,auf wunderbare Weise zusammengeführt worden und haben bis heute über 35 Jahre mit- einander gelebt und gearbeitet.Den Namen 'Gruppe 91' haben wir uns gegeben,weil der Ortsteil Köln-Ostheim,wo Herbert damals wohnte,die Zahl 91 hatte.Sein Haus war oft belegt vom Keller bis zum Dach mit jungen Leuten,die Zuflucht suchten.Wir waren die Jesus-People-Gruppe 91.Als Kirchen und Gemeinden von uns er- fuhren,wurden wir oft eingeladen,um von unseren Erlebnissen mit Gott zu berichten.Das taten wir auch.Da Herbert ja Werbespezialist war,hatten wir für unsere Auftritte auch die dementsprechende De- koration.Wir waren fast jedes Wochenende in einer anderen Stadt. Auch in Frankreich,Italien sowie der Schweiz erzählten wir von un- serem Glück.Das ging so ein paar Jahre.Wir mussten aber während dieser Zeit den Wohnsitz wechseln,weil die Bewohner der Wohnge- gend die vielen jungen Leute in Herberts Haus nicht akzeptierten. Ein schwäbischer Fabrikant kaufte für unsere Zwecke ein Haus im Schwarzwald.Dort bekamen wir bald ein zweites,und unsere Arbeit erweiterte sich.Herbert malte Bilder für die erste große Ausstellung, und wir druckten Schriften und Zeitungen.

Ab 1975 wehte plötzlich ein anderer Wind in der Gruppe 91.Bis da- hin waren wir die Jesus-People.Unser äußeres Erscheinungsbild war ungefähr wie das der Hippies.Die Frauen trugen lange Kleider,und die Männer hatten eine „Matte“,wie man damals sagte (lange Haare). Wir waren nie starr,deshalb konnte uns der Wind auch bewegen. Herbert wurde damals eingegeben,dass wir nun auf andere exklu- sivere Weise der Menschheit das vermitteln,was wir erlebt hatten. Wir zogen andere Kleider an und mauserten uns zu ernstzunehmen- den jungen Leuten.Ein Bekannter überredete uns,einen Gutshof zu übernehmen.Er war zwar total verrottet,aber wir sagten ja,denn die Lage war für unsere Zwecke ideal.Der Hof lag in der Nähe des Bo- densees,zwischen Überlingen und Pfullendorf,außerhalb eines klei- nen Dorfes.Ein Teil von uns zog dorthin,um die ersten Vorbereitun- gen zu treffen,damit man überhaupt dort wohnen konnte.So deckten wir zum Beispiel in Tübingen das damals im Umbau befindliche Wilhelmsstift ab,um mit diesen Ziegeln das Dach des Gutshauses neu zu decken.Wir machten einen Fünf-Jahres-Vertrag mit dem Besitzer des Hofes.Die Miete war praktisch 0,aber wir verpflichteten uns,das Gutsgelände zu renovieren.So begannen wir mit der Arbeit. Wir verputzten das Haus mit einem Spezialputz gegen Schimmel- pilz und renovierten das Haus bis zum Feinsten.Marmortreppen wurden gelegt,das ganze Haus isoliert und mit weißen Wänden be- stückt,Glaswände wurden eingezogen – es war eine Totalrenovierung. Nach einiger Zeit war es ein Kulturgenuss,uns zu besuchen.

Neben den handwerklichen Umbauten begann Herbert Rösler zu malen „wie ein Wilder“.In mancher Nacht,in der wir schliefen,über- raschte er uns mit einer Menge von Bildern,Plastiken und Entwürfen. Herbert war nicht zu bremsen,aber die Malerei allein stellte ihn nicht zufrieden.Er entwarf in allen Richtungen: Mode,Möbel,Schmuck, Geschirr,Architektur,Innenarchitektur – einfach alles,was zum Leben gehört. - Bis dahin war unsere Kleidung nicht sonderlich auffällig, aber nun begann eine neue Zeit.Wir Frauen setzten die Modeentwürfe um,und auf einmal waren wir ganz spezial.Wenn wir einmal irgendwo hinfuhren und durch eine Stadt gingen,waren wir plötzlich der Mit- telpunkt,denn wir waren keine Konfektion mehr.Es begann ein wun- derbares Erwachen,und wir – die Gruppe 91 – die Menschen,die um Herbert waren,entwickelten auch ihre Talente,und es begann ein reges Schaffen in allen Gebieten.Wir übten uns im Gesang,im Tanz, in der Musik und auch im Schauspiel.Es war eine riesige Explosion, und bald setzten wir uns zusammen und überlegten uns einen Na- men für diesen Stil.Wir ließen unsere Gedanken fließen,und plötz- lich war er da,der Slogan für unsere Arbeit – für eine neue Welt - .

1981 machten wir dann unsere erste Ausstellung unter diesem Namen in der Halle 8 auf dem Friedrichshafener Messegelände - 5000 qm be- stückt mit Malerei,Grafik,Plastiken,Mode und Design.Weil unser Stil der Messeleitung so gut gefiel,wurden wir dann zu Messen als Auf- lockerung eingeladen.Wir bekamen einen Platz,an dem wir zu den kommerziellen Ausstellungen als Ausgleich unseren kulturellen Bei- trag gaben,zum Beispiel 1982 bei der Ratio und dann bei der Interna- tionalen Bodenseemesse (IBO).Eigentlich lief alles gut,wäre da nicht der Hausbesitzer des Gutshofes gewesen,der mit unserem und Her- berts künstlerischen Werdegang überhaupt nicht einverstanden war. Es ging dann soweit,dass er uns nach fünf Jahren,wo alles fertig um- gebaut war,kündigte.Was wollten wir machen?Eines Tages stand morgens der Möbelwagen vor der Tür.Weil niemand wusste,wo sie mit uns hinsollten,machten wir den Vorschlag,in eine der Scheunen zu ziehen,die aber mittlerweile schon zu einer exklusiven Galerie ausgebaut war.Wir wohnten dort dann einige Monate und suchten nach einer neuen Bleibe für uns.

Am 18.Juni 1983 fuhren wir nach München,unter anderem auch,um nach einem Platz für uns zu suchen.Auf der Rückfahrt kam ein Augenblick,der unser Leben erneut auf ein ganz anderes Gleis setzen sollte.Ein schwerer Unfall mit einem Motorradfahrer nahm dem Mann das Leben und Herbert 90 % Sehen.Schon in der Nacht wurde Herbert nach Tübingen in die Augenklinik gebracht.Monatelang wurde durch viele Operationen versucht,sein Augenlicht zu retten, aber nur 10 % auf einem Auge blieben,das andere war völlig blind.

Herbert Rösler wollte schon lange ein Buch schreiben unter dem Motto „für eine neue Welt“.Da er aber so motorisch war,fand er dazu nie die Ruhe.Während seinem monatelangen Aufenthalt in der Augenklinik hatte er nun Ruhe und wirklich – sein Wunsch wurde wahr.Er diktierte seiner Frau Ischabell wunderbare Lyrik und Prosa sowie Erläuterungen zu vielen Themen des Lebens,und das Buch „für eine neue Welt“ wurde 1985 gedruckt und verlegt vom G91 Verlag.

Wir mußten unseren Wohnsitz am Bodensee ja verlassen,und so suchten wir in Tübingen und Umgebung nach Lagermöglichkeiten und einer Bleibe für uns.Es war nicht leicht,aber wir fanden dann doch eine exklusive Penthousewohnung in der Quenstedtstraße,in der wir Herbert dann auch empfangen konnten,als er aus der Klinik entlassen wurde.Wir richteten die Wohnung in unserem Stil ein,und so waren wir umgeben von wunderbaren Bildern und einzigartigen Gegenständen.Es gab Situationen,dass Menschen speziell zu uns ka- men,nur um diese Wohnung zu fotografieren.

Man hätte nun denken können,das Schaffen Herbert Röslers wäre zu Ende,denn mit 10 % Sehen auf einem Auge ist bei einem nor- malen Menschen nicht mehr viel drin.Herbert war aber kein „nor- maler“ Mensch.Er war so positiv und fröhlich,als wenn er eine Last verloren hätte,malte und entwarf in einer Intensität wie noch nie. Es ging immer um das Eine „für eine neue Welt“.Uns störte jeder konfektionierte Gegenstand wie Türgriff,Lichtschalter usw.,und so versuchten wir allem eine neue gekonnte Form zu geben.Eine Lyrik von Herbert bestimmte schon einige Zeit unser Fühlen und Denken.

Was Wahrheit ist ist keine Frage nach Verstand doch nach Verstehen meiner Sinne voll erkannt wer sagt mir Breite Höhe Tiefe und wenn ich bis zur Morgenröte liefe kann ich's nicht fassen mit Verstand dies zu verstehen es kommt von einem andern Land

In dieser Zeit,also kurz nach dem Autounfall,ist wohl der größte Teil des sichtbaren Werks Herbert Röslers entstanden.Während er malte,setzten wir seine Entwürfe um.Es ging vom Tablett bis zum Stuhl,Schrank,Bett,Schmuck,Bekleidung – es ging einfach in alle Bereiche.Wir arbeiteten „dem Schönen zuliebe“.Die Frauen der Gruppe 91 setzten ein paar hundert Modeentwürfe um,und wir trugen sie auch.Plötzlich ging da ein Mann durch die Stadt mit zwei Frauen an seiner Seite,die man einfach nicht einordnen konnte. Freie Menschen an keinen Modezwang gebunden – einfach neu. Es gab Leute,denen die Begegnung mit uns zu einem Erlebnis für das ganze Leben wurde.Und hinter all diesen scheinbaren Äußer- lichkeiten stand dieser Mann,der vor zirka 2000 Jahren schon ein- mal alles auf den Kopf gestellt hat – Jesus von Nazareth - Wer Herbert Röslers Werk betrachtet und seine Sinne nicht betrügt, muß zugeben,daß diese Fülle an Inspiration einmalig ist und das für einen ungelernten,fast blinden Menschen.

Zu unserem Leben hat es immer wieder gehört,keine zu tiefen Wur- zeln treiben zu können – so mußten wir auch dieses Domizil in der Quenstedtstraße Tübingen wieder verlassen.Es war die Eigentums- wohnung eines Arztes aus Rottweil,der sich mit diesem Kauf ver- schuldet hatte und sie verkaufen mußte.Wir wandten uns an die Stadt und meldeten uns als wohnungssuchend.Es gab dann einen Termin zur Besichtigung der neuen Unterkunft.Wir trafen uns im Westen Tübingens,am Rande einer kleinen Siedlung mit Holzhäu- sern – ungewöhnlich für Tübingen.Mein Herz rebellierte,da ich ja Herberts exklusive Architekturmodelle kannte.Aber Herbert sagte ja mit der Begründung 'Gott hat uns so geführt'.Heute bin ich sehr dankbar für diese Entscheidung.Das „Dorf“ war noch fast unbe- wohnt und wir begannen,unser Häuschen innen zu verzaubern. Langsam kamen die ersten Nachbarn – keine Deutschen,die Farben und Mentalitäten dieser Welt umgaben uns plötzlich – und da wir Deutsche waren und auch noch etwas ungewöhnliche Deutsche, wurde unser Häuschen in der Sindelfinger Straße zum Anlaufplatz vieler Nöte.Durch unsere geistige Einstellung halfen wir so gut es ging.Wir engagierten uns einige Jahre ziemlich stark in diesem „Dorf“.So baute Herbert für die Asylanten zum Beispiel eine Woh- nung zur Festwohnung aus – alles vom Feinsten mit Plexiglaswän- den,Tanzraum,Küche usw.Ich machte mit den Kindern jede Woche „Müllabfuhr“ im Dorf.Wir stellten Papierkörbe auf und besorgten für das ganze Dorf Polstergarnituren über's Wochenblatt.Viele be- kamen von Herbert speziell entworfene Regale mit Glimmer und Plexiglas für die ersten Telefone.Nachdem unsere „Freunde“ etwas selbstständiger geworden waren und wir bereichert durch das Ken- nenlernen von so vielen anderen Arten,zogen wir uns wieder ein wenig zurück,um unsere eigentliche Arbeit durchzuführen.

Mittlerweile hatten wir auch eine Räumlichkeit,in der die Öffent- lichkeit die Möglichkeit hatte,Herberts Werk zu sehen - „die Galerie an der Steinlach“ - der ehemalige Pferdestall der Thiepvalkaserne. Wir bekamen diese Räume 1991 in total heruntergekommenem Zu- stand,aber da wir ja mittlerweile in Umbau und Renovierungsarbei- ten geeicht waren,war es bald eine exklusive einmalige Ausstellung. Wir leugneten nie,was uns antrieb und das nahmen uns viele Men- schen übel.Man setzte uns einen Stempel auf,den wir bei vielen bis heute haben - „wir waren eine Sekte“. - Obwohl wir nie Mitglieder sammelten und auch keine Gelder eintrieben,blieb dieses Makel an uns haften,aber alles ist gut.Wer den Mut hat,seine Augen und Sinne selbst urteilen zu lassen,wird bald merken,daß wir Menschen sind,die Gott und das Schöne lieben,aber ohne Religion,Konfession,Tradition und Vorurteile.Wir lieben den,nach dem unsere europäische Zeit ge- rechnet wird – Jesus von Nazareth,aber so wie er wirklich war und ist.

Das Ringen um eine neue Welt ging immer weiter,und so mieteten wir 1995 eine alte verrostete Panzerhalle – direkt am Anfang Tü- bingens,wenn man von Reutlingen kommt – um unser Dekorations- material unterzubringen,so war es anfangs gedacht.Wenn wir aber etwas in die Hände bekamen,wurde es immer der Verwandlung unterzogen.So begannen wir nach einigen Überlegungen die kom- plette Halle zu umbauen.Mit architektonischen Anbauten bekam sie langsam eine Form,die uns einigermaßen entsprach,und so entstand der G91 Bau.Viele Autofahrer fuhren von der B 28 ab und fragten nach,was denn da geschehe,und in der Halle hatten wir noch nichts zu bieten außer Rost und festgefahrener Erde.So beschlossen wir,die Halle asphaltieren zu lassen und begannen dann doch,einen Teil als Ausstellung auszubauen.Irgendwann um das Jahr 1998 öffnete der G91 Bau dann seine Pforten.Es wurde nie zu einem Massenkonsum, aber viele feinfühlige und tiefgründige Menschen fanden in den letz- ten Jahren etwas ganz Besonderes in unseren Ausstellungen.Auch Gruppen und Schulklassen kommen,und sogar Familienfeiern be- kamen ein besonderes Flair durch den Besuch im G91 Bau.

Da Herbert ein wunderbares Gespür dafür besaß,was in jedem Men- schen steckt,wenn man davon auch noch gar nichts sieht,kam auch aus uns – den Mitgliedern der Gruppe 91 – etwas heraus.So kann ich von mir berichten,daß mein Sein ohne diesen Mann ein ganz ande- res wäre.Er sah in mir das Modell,obwohl ich vor jedem Fotoapparat davonlief.Auch sah er in mir die Sängerin,obwohl ich keine Stimme und auch kein musikalisches Gehör hatte.Ich glaubte ihm,überwand meine Hemmungen und durfte nun schon vielen Menschen Freude bringen durch das,was ich nun zu geben habe.Danke,lieber Herbert! Dieses Danke kommt von uns allen.

Wie ich schon berichtet habe,gab es die Galerie an der Steinlach,die sich auf dem Gelände der Thiepvalkaserne befand.2001 wurde das ganze Areal vom Bund an privat verkauft und es hieß,unter den Be- dingungen wie beim Bund ginge es nicht mehr.Es war ein Kampf zwischen der Liebe zum Schönen und dem Geld.Das Resultat: die Galerie an der Steinlach und auch die Bühne und die Kleiderschau im G91 Bau mit 70 umgesetzten Modellen gibt es nicht mehr,da wir den Platz brauchten,um das Material aus der Galerie an der Stein- lach unterzubringen.Wir waren und sind immer positiv,denn alles wird gut.Durch alle Höhen und Tiefen des Lebens entstanden immer weiter schöne Dinge.Die Kunst war neben der Liebe zu Gott unser Lebenselixier.Sie trieb uns durch die Zeiten und gab immer neue Inspirationen.

Ich kann von mir behaupten seit ich Herbert Rösler kenne,gab es für mich keinen Augenblick der Langeweile.Wir machten auch ge- meinsame Reisen,nicht viele,aber diese bewußt.Es gab viele G91- Partys,bei denen wunderbare Lieder entstanden und Happenings stattfanden.Wir lebten,liebten und litten dieses Leben gemeinsam

- eine Seltenheit in unserer heutigen Zeit.

Der fast letzte Schlag,den wir ertragen mußten,ist der Eventuell- abriß des G91 Baus,aber auch dieses,wenn es denn kommen sollte, wird die Gruppe 91 überleben.

Seit der Nacht des 11.November 2006 ist der Motor der G91 – unser geliebter Freund,Vater,Chef,Bruder,Clown,Kind – einfach alles,was ein Mensch geben kann – leiblich nicht mehr bei uns.Aber seine Maschine läuft,bis wir ihn wiedersehen in einer neuen wunderbaren Welt.Er ging mit den Worten: „alles wird gut.“

In Liebe Linda Li und die Gruppe 91