Tübinger Linie
Mit der Bezeichnung Tübinger Linie wurde während der Studentenunruhen um 1968 herum das maßvolle Vorgehen der Polizei bei Protestaktionen wie Demos und Hausbesetzungen bezeichnet. Dies wird vor allem als Verdienst des stellvertretenden Tübinger Polizeichefs Eberhard Vollmer gesehen, der die sog. „Tübinger Linie“ entwickelt hat.
[...] Während in anderen Städten in Deutschland Wasserwerfer und Tränengas von Seiten der Polizei gegen die Demonstranten verwendet wurden, musste die Tübinger Polizei nicht auf diese Mittel zurückgreifen. Auch Schlagstöcke wurden fast nie eingesetzt. Verantwortlich dafür war zum einen die Besonnenheit der Tübinger Demonstranten, so flog zum Beispiel in Tübingen während und nach 1968 kein Stein. Zum anderen der damalige Polizeioberkommissar Eberhard Vollmer. Dieser entwickelte die sogenannte „Tübinger Linie“:
„Sobald ein Polizeibeamter beleidigt oder tätlich angegriffen wird, gibt es richtig Ärger. Dafür dulden wir auch Einiges, sogar kürzere Blockaden“.
Die Tübinger Polizei zog aber auch ihren Vorteil aus den Revolten. Musste Vollmer vor den Protesten monatelang für ein Funkgerät kämpfen, so wurde dem Präsidium nach Beginn der Demonstrationen eine ganze Kiste mit Funkgeräten gestellt, schildert der ehemalige Polizeioberkommissar in einem Interview.
Trotz des bedächtigen Auftretens der Polizei, kam es auch in Tübingen zu Verhaftungen. Bei einer Sitzblockade vor dem Amerika-Haus wurden drei Aktivisten festgenommen. Sie wurden beim „Vietnam-Prozess“ vom Landesgericht Tübingen zu jeweils drei Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. [...]
Viele Zeitzeugen würdigen zudem die vermittelnde Rolle von Ludwig Raiser (Juraprofessor und Rektor der Universität Tübingen) und von Rudolf Günther. So schreibt Walter Jens, „dass Ludwig Raiser (zusammen mit Oberpedell Rudolf Günther) „die Universität Tübingen in den Tagen der Studentenrevolution nicht vor Konfrontation (die war unabdingbar), wohl aber vor Zerstörung und Gewalt bewahrt hat". (Walter Jens, „Eine deutsche Universität“ S. 356). Seine Frau Inge Jens berichtet im Interview, dass sich die Professoren am Morgen bei Günther erkundigt hätten, ob am Tag ein Go-in der Studenten geplant sei. Der aktive Gewerkschaftler R. Günther wurde von den Studenten respektiert, vermittelte und verhinderte Sachbeschädigungen. (Huber S. 155, Katalog S. 138)
Quellen/Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
- G. Huber: „Straßenkampf und Kinderladen“, 15 Interviews, 2016 (Zitiert als Huber)
- Ausstellungskatalog des Stadtmuseums „Tübinger Revolten: 1848 und 1968“, 2018 (zitiert als Katalog)