Kiomars Javadi

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Gedenken an Kiomars Javadi in der Wöhrdstraße

Der 20-jährige iranische Flüchtling Kiomars Javadi (eigentlich Kiumars Baba Abdollah; * 1967 in Share Rey, Teheran – † 19. August 1987 in Tübingen) wird am 19. August 1987 nach einem Ladendiebstahl (einige Quellen bestreiten dieses) im heute nicht mehr existierenden Pfannkuch-Supermarkt in der Karlstraße von Angestellten des Discounters durch einen minutenlangen Würgegriff erstickt.

Ablauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Javadi kam im Mai 1986 über die Türkei und Ost-Berlin nach Westdeutschland, wo er als Kriegsdienstverweigerer politisches Asyl beantragte. Er wurde nach Tübingen zugeteilt und mit seiner Frau Marjan in der Lagerunterkunft in der ehemaligen Thiepval-Kaserne untergebracht.[1]
An dem Tag, an dem er starb, wollte er sich im Pfannkuch-Supermarkt etwas zu trinken kaufen. Dort soll er laut Mitarbeitern bei einem Ladendiebstahl erwischt worden sein. Daraufhin kam es zu einer Auseinandersetzung und ein Angestellter zerrte Javadi in ein Hinterzimmer.[1] Bevor er getötet wurde, war er beschimpft und im Keller mit einem Gummiknüppel von einem Angestellten geschlagen worden. Javadi konnte sich aus dem Keller befreien und floh in den Hinterhof in der Wöhrdstraße. Dort erwischten ihn drei Supermarktangestellte. Weitere kamen hinzu. Etliche Menschen schauten dabei zu.

"Er wurde mit Hilfe des Filialleiters gepackt und auf den Boden geworfen und mit dem Gesicht nach unten festgehalten. Der 18-jährige Lehrling Andreas U. nahm das Opfer in den Würgegriff, während der Filialleiter ihm mit einem „schmerzhaften Hebelgriff aus der Karatetechnik“, die Beine verdrehte. Insgesamt 18 Minuten lang wurde Kiomars nicht aus dem Würgegriff freigegeben. Dies geschah vor den Augen von mindestens 15 gaffenden Zuschauer/innen (nach anderen Berichten sogar 30). Bis auf ein älteres Ehepaar fühlte sich keiner genötigt Kiomars zu helfen und einzuschreiten.

[...]

Laut Gerichtsmediziner Volker Schmidt war Kiomars Javadi bereits nach vier bis sechs Minuten tot gewesen. Die beiden Täter hatten also die meiste Zeit nur noch einen Toten im Würgegriff. Nach 18 Minuten traf die Polizei ein und legte dem Toten noch Handschellen an bis der Krankenwagen kam.

Der Notarzt Dr. Warth berichtete: „Der Befund bei Übernahme war, dass der Patient weite, lichtstarre Pupillen hatte. Es bestand Herzstillstand, Atemstillstand. Er war bereits klinisch tot.”

Prozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

"Am 30. Juni 1988 wurde nach einem kurzen Prozess das Urteil gegen die beiden Pfannkuch-Mitarbeiter verkündet. Die beiden Täter bekamen eine Freiheitsstrafe von 18 Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurde."

Das milde Urteil und das keiner der Zeugen Zivilcourage zeigte und dem Opfer half, führte auch lange nach der Tat zu heftigen Diskussionen in Tübingen. Es gab bis 2025 keine Gedenktafel für dieses Opfer von offensichtlicher rassistischer Gewalt. Auch im Prozess wurden "die wahrscheinlich rassistischen Hintergründe und ein bedingter Tötungsvorsatz" nicht angesprochen.


Über den Fall wurde u.a. im Fernsehen, im Wochenmagazin Der Spiegel und in der TAZ bundesweit berichtet.

Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Film und Podcast[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der 20-minütige Schwarzweißfilm "18 Minuten Zivilcourage" (1991) des Javadi-Freund und Filmemachers Rahim Shirmahd dokumentiert die Ereignisse. Auch gibt es einen Podcast vom GEA[2]

Gedenktafel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenktafel in der Wöhrdstraße zur Erinnerung an Kiomars Javadi

Im September 2025 wurde zur Erinnerung an Javadi am Haus Wöhrdstraße 2, nahe dem Hinterhof, in dem er starb, eine Gedenktafel angebracht. Sie soll auch zur Zivilcourage mahnen. Der Stromkasten, über dem die Gedenktafel hängt, wurde auf Anregung des Gemeinderatsmitglieds Nathalie Denoix ebenfalls zum Andenken an Javadi gestaltet. Auch Sozialbürgermeisterin Gundula Schäfer-Vogel wohnte der Veranstaltung bei.
Der Prozess zur Errichtung der Gedenktafel geht auf die Gemeinderätin Krishna-Sara Helmle zurück. Sie hatte 2020 durch einen Zeitungsartikel von der Tat erfahren. Der entsprechende Antrag wurde einstimmig im Gemeinderat angenommen und ab 2020 umgesetzt.[1]


Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]