Die "Wahrheit" im Internet
"Die "Wahrheit" im Internet!?!" ist die bewusst etwas provokante Fragestellung bei der Podiumsdiskussion am 9.5.25, die als Auftakt der deutschsprachigen StadtWiki-Tage 2025 im Ratssaal in Tübingen stattfindet.
Hier können Impulse zu dem Thema gesammelt werden:
- Ein Schillerzitat preist das Streben nach und Teilen von der Wahrheit - siehe Bild rechts.
- "die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners - Gespräche für Skeptiker" lautet der Titel eines Buches, das der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat 1998 zusammen mit dem Physiker Heinz von Förster veröffentlicht hat, und in dem die Bezogenheit von Aussagen auf die Perspektive des Aussagenden betont wird:
Heinz von Förster: "Wahrheit ist, so habe ich einmal gesagt, die Erfindung eines Lügners. Damit ist gemeint, dass sich Wahrheit und Lüge gegenseitig bedingen: Wer von Wahrheit spricht, macht den anderen direkt oder indirekt zum Lügner. Diese beiden Begriffe gehören zu einer Kategorie des Denkens, aus der ich gerne heraustreten würde, um eine ganz neue Sicht und Einsicht zu ermöglichen" (S. 29)… "Für mich ist diese Sicherheit des Absoluten, die einem Halt geben soll, etwas Gefährliches, das einem Menschen die Verantwortung für seine Sicht der Dinge nimmt. Mein Ziel ist es, eher die Eigenverantwortung und die Individualität des einzelnen zu betonen. Ich möchte dass er lernt, auf eigenen Füssen zu stehen und seinen persönlichen Anschauungen zu vertrauen…"
- "Wahrheit ist eine von möglichen Optionen im Spiel mit Informationen" - Aussage vom 26jährigen Rapper und Social-Media-Star Ski Aggu im Gespräch mit dem Spiegel, Ausgabe vom 12. Oktober 2024.
- Helmut Thielicke, ehemaliger Rektor der Universität Tübingen und evangelischer Theologie-Professor in der Nachkriegszeit, schreibt in seinen Memoiren diese Zeilen zum Thema 'Wahrheit': ... und da das Eigentliche der Erkenntnis nicht eine Wahrheit ist, die 'gilt', sondern eine Wahrheit, in der man 'ist', richtet sich diese Frage letztlich an den forschenden Menschen selber und also an seine Existenz. Das Wort des Neuen Testaments: 'Nur wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme', spricht das Geheimnis an, dass die Wahrheit letzten Endes nicht ein Gegenstand des Erkennens, sondern ein Zustand meiner selbst ist.
- Das Sprichwort "Willst du die Wahrheit oder die Cousine der Wahrheit?" ist ein bekanntes arabisches Sprichwort, das die komplexe Natur der Wahrheit und ihre oft vereinfachte oder abgemilderte Darstellung anspricht. Bedeutung des Sprichworts: Dieses Sprichwort deutet darauf hin, dass die Wahrheit oft unbequem, hart oder sogar schmerzhaft sein kann. Sie ist die ungeschminkte Realität. Die "Cousine der Wahrheit" hingegen steht für eine Version der Wahrheit, die abgemildert, schöngefärbt, vereinfacht oder nur ein Teil der Wahrheit ist. Sie ist vielleicht leichter zu akzeptieren oder politisch korrekter, aber eben nicht die vollständige oder reine Wahrheit. Es geht um die Frage, ob man die volle, manchmal unangenehme Realität wissen will, oder ob man eine bequemere, abgeschwächte Version bevorzugt, die leichter zu verdauen ist. Im Alltag kann dies bedeuten, dass Menschen dazu neigen, die "Cousine der Wahrheit" zu wählen, um Konfrontationen zu vermeiden, Gefühle zu schonen oder einfach eine einfachere Erklärung zu haben.
- Einige interessante Gedanken zum Thema "Wahrheit" gibt es bei Charles Eisenstein im Kapitel "Wahrheit" seinem online verfügbaren Buch "Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich" von 2013:
Wo finden wir dann aber die Wahrheit? Wir finden sie im Körper, in den Wäldern, im Wasser, im Boden. Wir finden sie in der Musik, im Tanz und manchmal in der Poesie. Wir finden sie im Gesicht eines Kleinkindes und im Gesicht hinter der Maske eines Erwachsenen. Wir finden sie in den Augen der anderen, wenn wir hinschauen. Wir finden sie in einer Umarmung, die, wenn wir in sie hineinspüren, von Wesen zu Wesen ein unglaublich intimer Akt ist. Wir finden sie im Gelächter und in Schluchzern, wir finden sie in der Stimme hinter dem gesprochenen Wort. Wir finden sie in Märchen und Mythen und unseren eigenen Erzählungen, selbst wenn sie erfunden sind. Eine Geschichte auszuschmücken kann sie zu einem Medium der Wahrheit machen. Wir finden die Wahrheit in der Stille und Ruhe. Wir finden sie im Schmerz und im Verlust. Wir finden sie in der Geburt und im Tod.
Meine christlichen Leser werden sagen, wir finden sie in der Bibel. Ja – aber nicht in ihrem wörtlichen Sinn. Die Wahrheit schimmert durch die Worte. Für sich selbst genommen sind sie nicht wahrer als andere Worte und können (und wurden es auch) für alle möglichen Gräuel in Dienst genommen werden. Im Taoismus spricht man vom “Hindernis der Schriften”: wenn wir in die Falle tappen, die Wahrheit in den Worten selbst zu suchen statt durch die Worte hindurch an den Punkt vorzudringen, von dem aus sie entstanden.
Während wir also immer in einer Geschichte leben werden, ist es folglich notwendig, dass wir unsere Geschichten häufig in der Wahrheit verankern. Eine Geschichte in der Wahrheit zu verankern verhindert, dass wir uns zu tief in ihr verlieren bis an einen Punkt, an dem, wie heute etwa, lebendig verbrennende Kinder “Kollateralschäden”, und unsere Lebensgrundlagen “Ressourcen” sind. Solche Wahngebilde können durch Augenblicke der Wahrheit entkräftet werden. Vielleicht achtet deswegen, wie mir ein bhutanesischer Mönch erzählte, den ich traf, der König von Bhutan darauf, seine meiste Zeit in den ländlichen Dörfern zu verbringen. “Wenn ich zu viel in der Hauptstadt bin,” sagt er, “kann ich keine weisen Entscheidungen treffen.” Umgeben von den Artefakten der Separation ist es wahrscheinlich, dass wir die Geschichte verinnerlichen, deren Teil sie sind. Dann leben wir unbewusst nach dieser Geschichte.
Die Stille, die Ruhe, der Boden, das Wasser, der Körper, die Augen, die Stimme, das Lied, Geburt, Tod, Schmerz, Verlust. Beobachten Sie, was all diesen Erfahrungen, durch die wir die Wahrheit finden können, gemeinsam ist: In allen von ihnen findet in Wirklichkeit die Wahrheit uns. Sie kommt als Geschenk. Darin haben sowohl die wissenschaftliche Methodik als auch die religiösen Lehren recht, wenn sie davon ausgehen, dass es eine absolute Wahrheit jenseits dessen, was Menschen schaffen können, gibt: Beide führen sie zur Demut. Genau diese Haltung von Demut ist es, mit der wir die Wahrheit finden, in der wir unsere Geschichten verankern können.