Achtundsechziger und der SDS
Mit der Ausstellung „Tübinger Revolten. 1848 und 1968“ im Stadtmuseum und dem von M. Kuckenburg, W. Setzler und B.J. Warneken 2018 herausgegebenen Katalog wurde nach gut fünf Jahrzehnten der Versuch gemacht, die Studentenbewegung in Tübingen darzustellen. Mit „Mein 68 begann 65“ hat Bernd Jürgen Warneken, Professor am Ludwig-Uhland-Institut, mit teilweise persönlichen Erinnerungen die Darstellung jener Jahre ergänzt.
Bereits 2016 hat Gabriele Huber 15 Zeitzeugen-Gespräche mit Achtundsechzigern unter dem Titel „Straßenkampf und Kinderladen“ veröffentlicht. Die drei genannten Bücher, teilweise inzwischen vergriffen, sind in der Stadtbücherei Tübingen vorhanden. Gute Quellen zu dieser Zeit sind auch die so genannte „Wischnath-Chronik“ und die vielen Tagblatt-Artikel jener Jahre.
SDS = Sozialistischer Deutscher Studentenbund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Gründung 1946; mit dem Godesberger Programm der SPD von 1959 nehmen die Differenzen zum SDS zu, was schließlich am 6.11. 1961 zum Unvereinbarkeitsbeschluss führt. Bereits 1959 wurde der SHB = Sozialdemokratischer Hochschulbund gegründet. Rudi Dutschke, der seit Nov. 61 an der FU Berlin Soziologie studiert, ist zusammen mit Bernd Rabehl und Jürgen Horlemann im Berliner SDS aktiv und wird bald zum „Chef-Ideologen“ des SDS. Die Tötung von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien führt zu bundesweiten Studentenprotesten. Dutschke wird durch Reden auf Kundgebungen/Kongressen und Interviews (z.B. langes ARD-Fernseh-Interview mit Günther Gaus am 3.12.1967). zum prominentesten Vertreter und Agitator der Studenten, aber auch gleichzeitig zum Hass-Objekt der Springer-Presse. Am 11. April 1968 wird Dutschke auf offener Straße in Berlin vom 23-jährigen Arbeiter J.E. Bachmann niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. Bereits bei den folgenden Blockaden gegen die Springer-Presse bzw. Auslieferung der BILD-Zeitung und den Osterunruhen 68 sinkt der Einfluss des SDS im Vergleich zu den teils entstandenen Basisgruppen. Am 30. Mai 1968 werden im Bundestag die Notstandsgesetze verabschiedet und der Einmarsch der Warschauer Pakt Truppen in die CSR am 20. August 1968 führen zu weiterer Desillusionierung, die schließlich am 31.3.1970 zur Selbstauflösung des SDS führt (Darstellung nach T. Fichter/S. Lönnendonker „Kleine Geschichte des SDS“ Berlin 1977, siehe auch Katalog zur Ausstellung Seiten 67 ff).
Der SDS in Tübingen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Peter Langos studiert ab 1963 in Tübingen Jura, tritt gleich in den SDS ein und wird nach zwei Monaten bereits zum Vorsitzenden gewählt. Der Südafrikaner Neville Alexander kommt 1958 als Humboldt-Stipendiat nach Tübingen und engagiert sich gegen Imperialismus und Rassismus. Nach seiner Rückkehr nach Südafrika 1963 wird er zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.[1] Langos berichtet im Interview: „Neville Alexander hatte den SDS Tübingen aufgemischt, es kam zu einer Eintritts- und Austrittswelle. Das war 1961/62 auch der endgültige Bruch zwischen SPD und SDS. Der SDS ist faktisch dann von der IG Metall erhalten und finanziert worden (...). Ab 1963 war für den SDS der Kampf gegen die Notstandsgesetze wichtig. Damals ist auch der Vietnamkrieg in Deutschland wahrgenommen worden. Im SDS war dann (...) 1967 die Tötung Benno Ohnesorgs der Knall, der die Studentenbewegung ausgelöst hat. Der SDS wurde dann größer. Wir hatten 1963 nur dreiundzwanzig Mitglieder. Ein Drittel davon waren Ausländer, die meisten Iraner. (...) Ich war 1963/64 Vorsitzender des SDS und 1968/69 war ich 2. Landesvorsitzender des SDS in Baden-Württemberg. Der SDS hat sich durch die Studentenbewegung halb aufgelöst. Zuerst ist er größer geworden, dann verschwunden, etwa 1970. Da sind die Basisgruppen gekommen, da sind die sogenannten K-Gruppen entstanden.“ (Buch Huber S. 189ff.)
Bernd Jürgen Warneken „Mein 68 begann 65"[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Warneken, der als Tübinger im Haus am Holzmarkt 1 lebte[2] und 1964 am Uhland-Gymnasium das Abitur machte, ergänzt dies mit seinen persönlichen Studium-Erinnerungen von 23 Semestern. Anfangs noch Mitglied im SHB wird er Öffentlichkeitsreferent und so Redakteur der Studentenzeitschrift „Notizen“ mit einer Auflage von 7000 Exemplaren, die bis Ende Juli 1969 erscheint. Tübingen ist damals eine Hochburg der NS-Aufarbeitung unter den Universitäten. Er schreibt, dass es von Juli 65 bis Juli 69 in Tübingen zwanzig große Demonstrationen gegen Bildungsnotstand, Vietnam und Landeshochschulgesetz mit oft mehr als 1000 Teilnehmern gab (S. 75 ff.). Die Go-ins, Störungen von Vorlesungen, Rektorats- und Rathausbesetzung u.a. verlaufen dank der sog. „Tübinger Linie“ (Oberpedell R. Günther, Polizeichef E. Vollmer, Rektor Ludwig Raiser) weitgehend gewaltfrei und ohne Wasserwerfer-Einsatz ab.
Warneken, später Professor der Empirischen Kulturwissenschaft, stellt dann anschaulich die Auswirkungen auf den Wissenschaftsbetrieb und den Folgenreichtum der Studentenbewegung dar. Er selbst beschreibt sich nach seinem Austritt aus dem SHB als SDS-Sympathisant, eher als Schreib- denn als Demo-Typ. Vom Geschichtsstudium wechselt er zu den Germanisten und dann in den Umkreis von Walter Jens ans Institut für Rhetorik.
Eine ausführliche Besprechung des Warneken-Buches und der Ausstellung im Stadtmuseum durch Oliver Stenzel findet sich in der Wochenzeitung "Kontext" vom 4.4. 2018 unter dem Titel "Tübinger Revoluzzer". [3] Über die besondere Konzeption dieser Ausstellung berichtet O. Stenzel:
"Vor zweieinhalb Jahren schlug Warneken der Tübinger Kulturbürgermeisterin Christine Arbogast vor, dass man "in Tübingen etwas Besonderes machen könnte, nicht wie die meisten nur 68 in den Blick nimmt". Und so werden im Stadtmuseum nun unter dem Titel "Tübinger Revolten" die Revolution von 1848 und die Studentenproteste von 1968 in der Stadt verglichen – nicht gleichgesetzt, wie Warneken, die Bedenken vorwegnehmend, gleich betont. Dafür seien die Differenzen in Ausgangslage und Zielen dann doch zu gravierend."
Der Erkenntnisgewinn durch die vergleichende Präsentation sei dabei nicht immer gleich hoch, meint Oliver Stenzel, aber auch sehr ertragreich, "wenn es um die oft übersehene Rolle der Frauen geht, die hier besonders im Fokus steht".
Zeitzeugen-Gespräche von Gabriele Huber (2016)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Gabi Huber hat ab 1971 in Tübingen Erziehungswissenschaften studiert und ist später 19 Jahre lang Jugendpflegerin im Landkreis Tübingen. Für ihr Buchprojekt der Achtundsechziger hat sie mit 8 Frauen und 7 Männern Gespräche geführt und in Absprache auch einen Lebenslauf der Interviewten erstellt. Wie am Schaubild ersichtlich, geht es ihr dabei nicht allein um die Studentenbewegung und deren politischen Aktivisten wie Ali Schmeißner, Peter Langos und Anton Brenner, sondern auch um die Sicht der Tübinger Bevölkerung und des Oberbürgermeisters. Hubers besonderes Interesse gilt der neuen Wohnform WG, den Beziehungen, dem Drogenkonsum, der Mode und der Frauenemanzipation. Das Buch bietet insgesamt eine kleine Chronologie der 68er-Zeit und beschreibt die Entstehung des neuen Lebensstils.
Besetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Die unruhigen Studenten besetzten - auf friedliche, aber präsente Weise - immer wieder offizielle Einrichtungen und Büros oder Gebäude von Vertretern der Obrigkeit, zum Beispiel das Rathaus am 25. Mai 1968 und das Rektorat der Universität vom damaligen Rektor Ludwig Raiser.
Landfriedensbruch und Prozesse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Trotz allem Lob der Zeitzeugen für die deeskalierende „Tübinger Linie“ während der Studentenbewegung gibt es auch reichlich Konflikte in jenen Jahren. So berichtet Ali Schmeißner von 13 Strafanzeigen während seiner Studentenzeit, Beate Jung, obwohl keine Funktion im SDS selbst, erzählt Gabi Huber von drei Anklagen wegen Landfriedensbruch, wobei sie – wie andere – vom späteren FDP-Abgeordneten Martin Bangemann (S. 51 ff.) verteidigt wurde (siehe Tagblatt 30. Juni 2022). [4]
Bundesweite Beachtung findet der Vietnam-Prozess gegen die drei SDS-Aktiven Klaus Behnken, Peter Winterhager, Volker Wolf mit der Anklage wegen Landfriedensbruch (siehe Warneken Seiten 88-91).
Im Internet ist noch ein 2-minütiger Abendschau-Beitrag SWR2 vom 5. Okt. 1968 über den Prozess zu finden. Text: „Volker Wolf, Klaus-Jürgen Behnken und Peter Winterhager wurden zu drei Monaten Gefängnis wegen Landfriedensbruch, Nötigung und Durchführung einer unangemeldeten Versammlung verurteilt.“ [5]
Dazu auch ein ausführlicher Artikel mit dem Titel „Justiz / Studenten-Prozesse über Maß“ im SPIEGEL vom 3.11. 1968.[6]
Das Revisionsverfahren endet später mit Freispruch. Klaus Behnken wird im Nov. 1968 in den fünfköpfigen SDS-Bundesvorstand gewählt, arbeitet später als Lektor, Publizist und ist Mitgründer der Wochenzeitung „Jungle World“. Er starb 2016.
Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
- ↑ https://www.sozonline.de/2012/10/neville-alexander-19362012/ |Mehr zu seiner Biographie
- ↑ Bernd Jürgen Warneken: Tübingen Holzmarkt 1. Erinnertes und Erkundetes (pdf)
- ↑ Oliver Stenzel: Tübinger Revoluzzer, kontextwochenzeitung.de 4.4.2018
- ↑ Erinnerung - Martin Bangemann: Verteidiger der Demokratie, swp.de 30.6.2022
- ↑ Studentenprozess in Tübingen gegen Vietnamkrieg-Gegner, Beiträge aus dem SWR-Archiv, swr.de 3.4.2018
- ↑ Studentenprozesse - Über Maß, Der Spiegel 3.11.1968
Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
- Arbeitsblätter/Folien als PDF mit vielen Bildern auf www.schule-bw.de
- Zeittafel auf www.schule-bw.de
- Eine vierteilige Serie von 2018 findet sich auch im Archiv des Campusmagazins Kupferblau der Uni: