Wurmlinger Kapelle

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Mit Regenbogen
Innenraum mit drei Barock-Altären

Wahrzeichen zwischen Neckar- und Ammertal, toller Aussichtspunkt an klaren Tagen. Von hier hat man einen weiten Rundblick zur südlich gelegenen Schwäbischen Alb, Burg Hohenzollern, ins Neckartal, Ammertal und zum Schönbuch-Trauf im Norden.


Kapelle[Bearbeiten]

Die St.-Remigius-Kapelle steht auf einem 475 m hohen Berg, der dem Höhenrücken des Spitzberges westlich vorgelagert ist. Sie wurde 1050 als Grabkapelle des Stifters Graf Anselm von Calw errichtet. Die heute noch erhaltene romanische Krypta entstand um 1150. Der gotische Nachfolgebau brannte 1644 ab, die heutige barocke Kapelle wurde 1685 geweiht. An und unterhalb der Wallfahrtskapelle, die zeitweise auch als Pfarrkirche diente, befindet sich der Friedhof von Wurmlingen. An den Südhängen des Berges gibt es z.T. noch Weinbau, am Nordhang eine Wacholderheide. Ein beschilderter Weinlehrpfad mit ca. 30 Stationen umrundet den Kapellenberg.
Ein relativ starkes Erdbeben erschütterte am 16. November 1911 die Region.[1] Die Wand an der Nordostecke der Kapelle stürzte dabei ein (siehe Foto unten).

Zugänge[Bearbeiten]

Eine "klassische" Wanderung (bebilderte Beschreibung: [1]) führt vom Schlossberg in Tübingen über die bewaldete Höhe des Spitzbergs ("Sommer-", "Winter-", "Kapellenweg") zum Bergsattel am "ehemaligen Burgstall" und weiter hinauf zur Kapelle. Diese Route ist seit 2010 auch als Ludwig-Uhland-Liederweg gestaltet.

Der Hauptaufgang führt von Westen über den Kreuzweg mit seinen 12 Stationen, der 1687 errichtet wurde. Weitere Zugangswege, über den Sattel am Burgstall, verlaufen von Nordwesten (ebenfalls von Wurmlingen aus) über die Graf-Anselm-Straße am Nordhang entlang, sowie von Südosten über den Hohlweg oder Riederweg, von Hirschau aus.

Der Kapellenberg ist auch für seinen Weinbau, seine Streuobstwiesen, Orchideen und Wacholderheiden bekannt.

Wirtin Ruth Kratzer, 1998

Gasthaus 'Zur Wurmlinger Kapelle'[Bearbeiten]

Viele Wanderungen oder Radtouren endeten früher im Garten des Gasthauses 'Zur Wurmlinger Kapelle', unmittelbar am Fuß des Kapellenbergs. Die Gaststätte der Familie Kratzer ist seit 2004 leider geschlossen.

Gastrokritik der Stuttgarter Zeitung aus dem Jahr 2002

Gründungslegende und Stiftung[Bearbeiten]

Aus einer alten Chronik von 1849:

Romanische Krypta von ca. 1150 (Foto 1906)
"Die Kapelle war gegründet im 10. Jahrhundert auf Befehl eines Grafen Anselm oder Leo von Calw, welcher der Sage nach verfügt hatte, seine Leiche aus einen Wagen zu legen, und sie zwei davorgeschirrten jungen Stieren zum Fortführen zu überlassen. Wo diese rasten würden, sollte er begraben werden. Ueber seinem Grabe aber sollte eine Kirche in der Art gebaut werden, daß er, der sein Lebenlang am liebsten unter Gottes freiem Himmel geschlafen, und nie gern in Mauern eingeschlossen gewesen, auch beim letzten Schlaf wenigstens mit dem Kopf im Freien bleibe. So soll denn auch die Kapelle erbaut worden sein.[2] [3]
Sie stand zu Tübingen, wenigstens zu seiner Geistlichkeit, in einer eigenthümlichen Beziehung durch eine merkwürdige Stiftung, an der jene Theil zu nehmen hatte. Sie war dem Kloster Kreuzlingen bei Constanz einverleibt, und dieses hatte die stiftungsmäßige Last, alle Jahre für die gesammte Geistlichkeit der Umgegend ein feierliches Festessen bei der Kapelle zu veranstalten. Am Montag vor aller Seelen Tag gieng der Kämmerer von Rotenburg und Tübingen auf den Berg, wo ihn schon ein Wagen voll leichtbrennenden Holzes und ein Wagen voll Heu erwarten mußte, auf welch letzterem eine kastanienbraune Gans saß. Diese erhielt der Fuhrmann zum Geschenk. Ebenso mußte vorhanden sein ein 3jähriger Stier, drei fette Schweine von 1/2 Jahr, 1 und 2 Jahren, drei Jahrgänge Bier, oder — aber ungerne — an seiner Statt zwei Jahrgänge rothen und weißen Weins, ebenso mußten drei Arten von Broden gebacken werden. All dieses wurde am Rüsttage zubereitet.[2]
Am Tage aller Seelen selbst mußten sämmtliche Geistliche des Capitels von Rotenburg und Tübingen bei Zeiten zu Roß oder zu Fuß nach ihrer Wahl, aber im Priesterkleid mit Kaputze auf dem Berg erscheinen, bei Strafe von einem Scheffel Dinkel für den zu spät oder nicht gekommenen; auch durfte jeder seinen „Schatten" (ungewiß, ob darunter ein schmarozender Freund oder gar Niemand verstanden ist) und jeden ihm unterwegs begegnenden guten Bekannten zu gleichem Genusse mitbringen. Da, sagt Crusius, hätte mögen der Wurmlinger Berg erbeben. Zwar zogen zuerst die Gäste insgesammt nach Ablegung von Stiefeln und Sporen zu des Stifters Grab, wo vom Dechanten und einigen andern Geistlichen eine Messe gefeiert, und die Stiftungs-Urkunde vorgelesen wurde, doch durfte der Kämmerer dazwischen hinein ein und ein Zander Mal nach dem Feuer sehen, ob nichts übel rieche oder verbrenne; auch schloß die kirchliche Feier damit, daß alle Gäste versprachen, der Stiftung nachzukommen, außer daß in Ermanglung des Bieres Wein getrunken werde.[2]


Nach dem Erdbeben von 1911
Alsdann schritt man zum Mahl. Dieses aber, das mit Gebet begann, und bei welchem je drei Personen gemeinschaftliche Theile erhielten, bestand in drei Schweinsköpfen, 2) Gans-Pfeffer, 3) Hennen und Ochsenfleisch in Brühen, 4) gebackenen Fischen und gebratenem Fleisch, 5) gesottenen Fischen mit Gewürz, zwischen jedem Gericht Wechsel des Brods und des Getränks. Alsdann folgte 6) als Hauptgang für je zwei Gäste eine gebratene Gans, in der Gans ein Huhn, in dem Huhn eine Wurst, und das Ganze beschloß Käse und Kuchen mit allerlei Obst. Von den letzten Gerichten durfte 'den Meßnern und Schulmeistern verabreicht werden, so viel da wollte, sonst gehörten die abgetragenen Brocken den Armen. Diese nemlich sammt den Aussätzigen hatten sich inzwischen auf dem Kirchhof um das dort ausgespannte Fell des geschlachteten Ochsen gelagert, und erwarteten den ihnen bestimmten Abtrag sammt einem Becher Weins und die Vertheilung des während des Mahls für sie gesammelten Almosens.[2]
War nun der Schmaus vorüber, so verfügte man sich wieder in die Kirche, und besprach im Chor ernsthaft die Frage: ob der Stiftung ihr Recht geschehen sei, und der Dechant sprach hierauf den Abt und den Convent von Kreuzlingen von jeder Klage für dieses Jahr los. Denn sollte je die Stiftung verletzt werden, so fielen alle Einkünfte, welche der Wurmlinger Kapelle zugewiesen waren, an die Grafen von Calw zurück. Noch im Jahr 1348 wurde die Stiftungs-Urkunde erneuert, was bei dem Herrenwechsel in der Gegend für nöthig erachtet wurde, und ein Geistlicher von Tübingen hängte sein Siegel an. Die Stiftung bestand in dieser Art bis in die Zeit der Reformation; dann wurde sie aufgehoben, wahrscheinlich zu ehrlichem Bedauern von manchem Tübinger Geistlichen, dem, wie dem Crusius 'nach jener Mahlzeit das Maul hat wässern können.'"[2]

Weblinks[Bearbeiten]

Fotomotiv[Bearbeiten]

Die Wurmlinger Kapelle ist dank ihrer exponierten Lage auf dem Kapellenberg ein beliebtes Fotomotiv. Einige Beispiele:

Luftbild[Bearbeiten]

mit Kapelle und dem Wein-, Obst- und Naturlehrpfad (ca. 2 km)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tübinger Stadtchronik von 1911
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 Karl Klüpfel und Max Eifert: Geschichte und Beschreibung der Stadt und Universität Tübingen, Band 1, 1849, Seite 62-65.
  3. Schwabs Gedichte