Reden zur Platzbenennung am Platz des unbekannten Deserteurs am 21.10.2008

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Oberbürgermeister Boris Palmer und Susa Hübel vom Forum Französisches Viertel bei der Ansprache zur Namensverleihung

Am 21. Oktober 2008 wurden anlässlich der Platzbenennung zwei Reden gehalten:

Sie werden hier dokumentiert - (bitte respektiert das Dokument und macht keine Änderungen).


2. Rede anlässlich der Einweihung des Platzes des unbekannten Deserteurs am 21.10.2008 von Susa Hübel vom Forum Französisches Viertel

Ich möchte mich bei der Stadt Tübingen für die Gelegenheit bedanken, hier als engagierte Bürgerin aus der Stadtteilvertretung Forum Französisches Viertel sprechen zu können. Ich möchte mich bei dem Tagblatt-Redakteur Hans-Joachim Lang bedanken, der durch seine Artikel zur Geschichte des Nationalsozialismus sehr viel zur Tübinger Erinnerungskultur beiträgt. Ich möchte mich auch bei denjenigen bedanken, die die Initiative zur Namensnennung mit ihrer Unterschrift, ihrer Recherche und durch das Einbringen des Themas im Gemeinderat vorangebracht haben.

Ich bin voller Stolz, dass die Bürger- und Bürgerinnen, der Gemeindrat und die Stadtverwaltung den Mut haben, diesen Platz als "Platz des unbekannten Deserteurs" zu benennen. Nein - habe ich Mut gesagt? Es gibt wohl vielfältige Formen von Mut. Mancher Mut ist verzweifelt und todesmutig und kann mit dem Tod oder mit härtesten Strafen enden. Mut haben die jungen, uns unbekannten Männer bewiesen, die kurz vor Kriegsende nicht mehr mitmachen wollten und dafür grausam hingerichtet wurden. Es gab Augenzeugen, andere junge Soldaten, die zur Abschreckung an den Erschießungen teilnehmen mussten.

Es gab sie massenhaft: "Die NS-Militärjustiz fällte laut Hochrechnungen etwa 30.000 Todesurteile; davon wurden etwa 23.000 auch vollstreckt. Insgesamt sind etwa 350.000 bis 400.000 Soldaten desertiert. Das macht bei rund 18,2 Mio. Soldaten aller Bereiche eine Desertionsquote von rund 2 %. In der Praxis wurde Desertion auch mit Verbringung in ein Strafgefangenenlager/KZ geahndet. In der Spätphase des Krieges konnte die Möglichkeit zur Begnadigung bestehen, welche als Bedingung an den Einsatz in einer militärischen Bewährungseinheit geknüpft war, wobei dort bestimmte militärische Leistungen erbracht wurden mussten. Solche Einsätze wurden von Zeitzeugen auch als „Selbstmordkommando“ bezeichnet."(Quelle: [1])

Mut in anderer Form ist es aber auch, sich der eigenen Geschichte zu stellen. Sich zu erinnern, diejenigen zu rehabilitieren, die von der Militärjustiz als Deserteure verurteilt und hingerichtet wurden. Sie galten jahrzehntelang als Kriminelle, ihre Hinterbliebenen hatten keine Versorgungsansprüche. Erst 2002, -also 57 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges-, wurden Deserteure gemeinsam mit den Homosexuellen endlich vom Bundestag als Opfer der Militärjustiz anerkannt. Zugegebenermaßen - in Tübingen, dieser Stadt mit Inselcharakter - gehört nicht soviel Mut dazu sich hinzustellen um einen Platz zu benennen oder gegen einen Neonazi-Aufmarsch zu demonstrieren. Viel mehr Mut ist da doch in anderen Gegenden Deutschlands nötig, wo die braunen Horden marschieren, prügeln und zahlreiche Bürger, die Justiz und die Polizei auf dem rechten Auge blind zu sein scheinen.


Tübingen schafft mit dieser Platzbenennung ein weiteres Element um einen lokalen Pfad der Erinnerung zu schaffen. Hierzu gehört die Tafel an der Stelle wo die ehemalige Synagoge stand, das Gräberfeld X auf dem Stadtfriedhof, für die NS-Opfer der Anatomie, eine noch zu errichtende Erinnerungstafel an die ausgeschlossenen und "zwangsfreiwillig" ausgeschiedenen Gemeinderäte von KPD und SPD. Wir brauchen noch viele Denkmäler und erklärende Straßenschilder. Denn hier hat unsere Geschichte stattgefunden und wir sollen Sorge tragen, dass diese furchtbaren Ereignisse nicht vergessen werden bzw. andere Vorkommnisse erhellt werden. Wie das nichts sagende Straßenschild für den Tübinger Ehrenbürger Scheef, das verschweigt, welche unrühmliche Rolle dieser als Oberbürgermeister von 1928-1939 spielte, als der Gemeinderat gleichgeschaltet wurde.


Die Namenssuche für den Platz geriet hier im französischen Viertel zu einer politischen Grundsatzdebatte. Im Verlauf der Namenssuche waren viele schöne Namen vorgeschlagen worden: Place des Colombines (Platz der Tauben), Mirabeauplatz (so wie die Straße, die am Platz vorbeiführt), Aixer Zierplatz als lustige Version in Anlehnung an den Exerzierplatz. Denn hier haben jahrzehntelang Soldaten exerzieren müssen. Anwohner wollten hier lieber glückliche Kinder spielen sehen, statt sich Exekutionen in die Erinnerung rufen zu müssen. Ja, es ist traurig, es macht wütend und es ist negativ, sich dessen zu Erinnern, was hier Menschen angetan wurde. Doch es kann auch die Augen öffnen und uns ermutigen. Die Augen öffnen für alle die, die sich gewehrt haben, trotz Todesgefahr - und alle die, die sich heute noch wehren. Gegen Kriege und die Teilnahme an Kriegen, die heute insbesondere von den USA -mit deutscher militärischer Unterstützung - geführt werden.


Deserteure heute - Unterstützung aus Tübingen Tausende junger US-Soldaten desertierten und desertieren noch von ihrem Einsatz im Irakkrieg. Hier in Tübingen wurde von der Tübinger Initiative Progressive Americans der amerikanische Deserteur Agustin Aguayo tatkräftig und finanziell unterstützt. Wer bei Kriegseinsätzen desertiert riskiert in den USA eine Verurteilung bis hin zur Todesstrafe. Er oder sie verliert neben den militärischen Ehren auch den Lebensunterhalt. Es wird extremer Druck ausgeübt. Diese Menschen sind oftmals PTSD Opfer - also Kriegsversehrte durch extreme psychische Traumatisierung - denen eine Anerkennung und medizinische Betreuung verwehrt wird. Sie sehen, der Bogen reicht vom Erinnern bis in die heutige Zeit. Dieser Platz wird nun einen Namen der Erinnerung tragen. Einen Namen gegen das Vergessen.

Ich möchte mit den Worten von Anselm Kiefer schließen, der als erster bildender Künstler vorgestern mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Er kritisierte den mangelnden Umgang mit der NS-Geschichte: Er sagte in seiner Preisrede: "Die Wunden wurden nicht verbunden, sondern schamhaft versteckt. Verborgen wurden nicht nur die Gebäude, sondern alles was die Nazis berührt hatten" Ich hoffe, dass der neue Namen dieses Platzes dazu beitragen wird, dass wir mit den Geschichtlichen Wunden umgehen lernen und diese gut versorgen. Ich danke für ihre Aufmerksamkeit.